Samstag, 26. April 2014

Im Nachtzug nach Agra

Hallo noch einmal, das Reisen mit dem Zug ist, da gibt es wohl kaum einen Zweifel, die schoenste Art und Weise, wie man sich in Indien fortbewegen kann. Wer schon einmal in einem der blauen Personenzuege am Fenster gesessen hat, waehrend der Fahrtwind einem die Haare ins Gesicht weht und der Blick ueber die endlosen Weiten dieses Kontinents schweift, wird das bestaetigen koennen. Weniger romantisch-idyllisch ist es dagegen, Tickets fuer die besagten Zuege zu kaufen, denn die Nachfrage uebersteigt fast immer das Angebot. Zunaechst einmal werden die verfuegbaren Tickets in unterschiedliche Quoten aufgeteilt: general tickets (fuer jedermann), Tickets fuer Frauen, Tickets fuer Notfaelle (erst am Vortag zu erwerben), Tickets fuer auslaendische Touristen, und und und. Manche davon kann man nur am Schalter kaufen (Touritickets zum Beispiel), andere auch online. Onlinebuchungen sind grundsaetzlich eine tolle Sache, doch ist das System nicht besonders fortschrittlich. Nur in den Morgen- und Abendstunden ist es uns bislang ueberhaupt gelungen, uns einzuloggen, sonst bricht das System schon beim Login zusammen. Selbst wenn man sich dann erfolgreich durch die unzaehligen Reservierungsschritte gelickt hat und der Zug noch nicht ausverkauft sein sollte, stellt die Bezahlung der Tickets mit Kreditkarte eine nahezu unueberwindbare Huerde dar. Oft braucht es zahlreiche Versuche, bis die Zahlung akzeptiert wird. Besonders aergerlich: bei jedem Fehlversuch muss man komplett wieder von vorne anfangen mit der Eingabe aller Daten, und alle paar MInuten wird man auch noch wegen Zeitueberschreitung aus dem System geworfen und muss sich neu einloggen. Da kann man schon mal ausrasten! :-) Doch irgendwann ist es uns tatsaechlich geglueckt und wir hielten die Tickets fuer die dreizehnstuendige Fahrt von Varanasi nach Agra in unseren Haenden. Fuer die etwa 650 Kilometer braucht der Zug laut Fahrplan etwa 13 Stunden, Abfahrt war um 17:20 Uhr. Gerne haetten wir einen der teureren, klimatisierten Wagen gebucht, doch diese waren bereits ausverkauft gewesen, also fanden wir uns in der unklimatisierten Sleeper-Class wieder. Die Waggons sind in offene Abteile unterteilt, in denen sich jeweils sechs Betten befinden: drei an jeder Seite. Das mittlere kann heruntergeklappt werden, damit man tagsueber bequem sitzen kann. Gegenueber eines jeden Abteils befinden sich noch einmal zwei Betten. Besonders komfortabel sind die Liegen natuerlich nicht, und fuer Boernis Koerpergroesse auch deutlich zu kurz. Aber bei den unfassbar guenstigen Preisen (Varanasi - Agra fuer weniger als vier Euro pro Person) kann man wirklich nicht meckern! :-) Zufaelligerweise teilten wir uns auf der Fahrt nach Agra unser Abteil mit zwei Kanadiern, die ebenfalls auf Weltreise waren. Da gab es natuerlich viel zu erzaehlen und Erfahrungen auszutauschen. Spaeter kamen noch zwei Argentinier dazu. Auf den Betten gegenueber von unserem Abteil hatten es sich einige indische Soldaten gemuetlich gemacht. Die ersten Stundne verbrachten wir mit Gespraechen und lesen, spaeter klappten wir die Betten auf und legten uns hin. Vielleicht gehoert ihr ja zu den Gluecklichen, die immer und ueberall schlafen koennen. Dann haettet ihr in diesem Zug sicher eine wundervolle Nacht verbracht. Ich gehoere leider nicht dazu. Zunaechst einmal fand ich es ziemlich irritierend, beim Versuch zu schlafen kontinuierlich von den indischen Herren gegenueber angestarrt zu werden. Anders als wir Europaer denken sich die Leute hier naemlich nichts dabei, einen minutenlang anzustarren. Normalerweise ist das auch kein Problem fuer mich (ich starre dann einfach zurueck :-) ), aber beim Einschlafen hat es mich dann doch ganz schoen gestoert. Kaum war ich endlich weggedoest, wurde ich auch schon wieder geweckt. Eine indische Grossfamilie war zugestiegen und versuchte, ihr ueppiges Gepaeck zu verstauen. Aber nicht unter bzw. auf ihren eigenen Liegen, sondern zwischen unseren Fuessen auf unseren Liegen! Es war gar nicht so einfach, ihnen das auszureden :-) Danach war es mit dem Schlafen fuer mich erstmal vorbei, stattdessen hoerte ich ein bisschen Musik und liess meine Gedanken schweifen. Ungestoert geblieben waere mein Schlaf ohnehin nicht: Zusteigende Passagiere benutzten meine Fuesse gern mal als Haltegriffe auf dem Weg zu ihrem Platz, immer wieder entbrannten lautstarke Diskussionen um die Sitz- bzw. Schlafplaetze und einer der Soldaten gegenueber liess sich nicht davon abbringen, seine Fuesse auf meine Pritsche zu legen. Erst gegen zwei Uhr morgens wurde es ruhiger, und auch ich fand endlich ein bisschen Schlaf, bis der Wecker um halb sechs klingelte. Bis wir dann tatsaechlich Agra erreichten, dauerte es noch eine ganze Weile, vor allem auch deshalb, weil die Zuege hier in Indien haeufig stundenlang auf offener Strecke warten muessen, bis ein entgegenkommender Zug eine Engstelle passiert hat. Erst dann geht es weiter. All das macht das Zugfahren in Indien natuerlich ein wenig beschwerlich, aber auch so unglaublich interessant! Selten haben wir sonst die Gelegenheit, indische Familien so genau in ihrem Alltag zu beobachten, seien es diejenigen, die mit uns im Zug sitzen, oder diejenigen, deren Alltag sich vor den offenen Fenstern abspielt. Nur im Zug habe ich das Gefuehl, einen Eindruck von der Groesse und Vielfalt dieses wunderschoenen Landes zu bekommen.

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