Donnerstag, 10. April 2014

Rund um das Annapurna-Massiv, Teil 4

Hallo noch einmal, nach sechs anstrengenden Tagen, in denen wir fast neunzig Kilometer und zweitausend Hoehenmeter zurueckgelegt hatten, stand in Manang ein sogenannter "Hoehenakklimatisationstag" an. Also zur Abwechslung einmal nicht stundenlang wandern, sondern nur kurze Spaziergaenge rund um Manang und ansonsten: ganz viel entspannen!
Wir haben es uns gutgehen lassen: mit echtem Kaffee zum Fruehstueck (dem ersten seit einer Woche!), Yak-Steak zum Mittagessen und Kuchen am Nachmittag :-) Nach so viel Futtern haben wir dann doch noch einen kleinen Ausflug gemacht zu der Gompa, die hoch ueber Manang an einem Hang thront. Kalt war es an diesem Tag, und waehrend wir den Berg hinaufstiegen, zogen finstere Wolken ins Tal. Dennoch war der Blick von der Gompa ueber Manang einfach atemberaubend. Wir wollten uns gerade an den Abstieg machen, als sich tatsaechlich eine Schneeflocke auf meine Nasenspitze verirrte. Schnee! Nach zehn Monaten Sommerhitze einfach unglaublich :-) Das Schneetreiben verdichtete sich noch und beim Abendessen am Kamin konnten wir die weisse Pracht draussen in dicken Flocken vom Himmel fallen sehen.
Am naechsten Morgen hatte es zum Glueck dann aber doch wieder aufgehoert und wir konnten unsere Wanderung ungehindert fortsetzen. Nachdem wir nun schon die Grenze von 3500 Hoehenmetern ueberschritten hatten, nahm das Thema "Hoehenkrankheit" auch einen immer groesseren Raum in unseren Gedanken ein. Natuerlich hatten wir alle Tipps befolgt, die man hier so bekommt: - ganz viel Knoblauch essen (die Einheimischen schwoeren darauf, deswegen gibt es ueberall Knoblauchsuppe zu essen) - viel trinken (vier bis fuenf Liter am Tag!) - kein Alkohol (na gut, fast, ab und zu ein Schuss Rum im Tee um sich aufzuwaermen... :-) ) - langsam aufsteigen (im Idealfall nicht mehr als 500 Hoehenmeter pro Tag, auf unserer Route kommt man im Schnitt auf etwa 600 Meter) Dennoch merkten wir natuerlich, dass die Luft duenner wurde. Der Aufstieg nach Ghunsang gleich hinter Manang dauerte einfach laenger als die bisherigen. Trotzdem kamen wir an diesem Tag sehr gut voran, der Himmel war strahlendblau und die Aussicht einfach fantastisch!
Danach ging es eher flach weiter bis zu einem kleinen Dorf namens Letdar, das eigentlich nur aus vier Gasthaeusern besteht. Da wir hier bereits 650 Hoehenmeter erreicht hatten, hiess es: Schluss fuer heute! Positiv ueberrascht hat uns zunaechst die Tatsache, dass wir hier zum ersten Mal auf dem Trek ein Zimmer mit Doppelbett angeboten bekamen. Erfreut begannen wir, unsere Habseligkeiten auszupacken, als uns auffiel, dass unser Zimmer nur durch eine duenne Holzwand von der daneben liegenden Gemeinschaftstoilette getrennt war. Wir konnten den anderen Gaesten tatsaechlich beim Pinkeln zuhoeren! Da haben wir es dann doch vorgezogen, in ein anderes Zimmer umzuziehen, das weiter von der Toilette entfernt war, auch wenn wir dafuer auf das Doppelbett verzichten mussten. Am naechsten Morgen bestaetigte uns eine andere Trekkerin, dass das eine gute Entscheidung gewesen war :-) Ueberhaupt trafen wir hier viele Trekker wieder, die wir bereits in Manang (oder auch schon frueher) kennengelernt hatten. So weit oben gibt es eben nur noch wenige Gasthaeuser, in denen sich alles konzentriert. War aber auch schoen, zur Abwechslung einmal etwas mehr Gesellschaft zu haben, nachdem wir in den ersten Tagen unseres Treks mehr oder weniger allein unterwegs gewesen waren. Die Nacht in Letdar war fuer mich die unangenehmste auf dem ganzen Trek. Tagsueber hatten wir noch relativ wenig von der Hoehe bemerkt, doch wie schon vor Jahren in Bolivien stoerte sie nun unseren Schlaf. Sobald man etwas tiefer wegschlummerte, ging uns sprichwoertlich die Puste aus, und mit einem Japsen fuhren wieder hoch, nach Sauerstoff ringend. Eine bekannte "Nebenwirkung" der Hoehe, noch nicht weiter gefaehrlich, aber doch ganz schoen unangenehm. Erst in den fruehen Morgenstunden fand ich ein bisschen Erholung. Dementsprechend muede war ich am naechsten Morgen. Geplant war, zumindest bis zum naechsten Ort, Thorung Pedi (4500m), weiterzugehen, von wo aus man den Pass theoretisch an nur einem Tag ueberqueren kann. Lieber wollten wir aber zum Highcamp (4800m), von wo aus die Ueberquerung schon anstrengend genug sein wuerde. Aber wir wollten erst einmal sehen, wie wir mit der Hoehe zurechtkamen, bevor wir eine Entscheidung trafen. Der Weg nach Thorung Pedi war eigentlich nicht besonders anspruchsvoll, doch die Hoehe liess ihn sich endlos in die Laenge ziehen. Mittlerweile waren wir so hoch, dass es fast keinerlei Pflanzen mehr gab, nur noch endlose Haenge aus Stein und Geroell und, natuerlich, Eis und Schnee auf den Gipfeln. Der Weg ueberquert vor Thorung Pedi einen Hang, auf dem sich in der Vergangenheit immer wieder Erdrutsche geloest haben - ein unheimliches Gefuehl, dort hinueberzugehen! Doch wir schafften es sicher auf die andere Seite.
Bereits um zehn Uhr waren wir schon an unserem ersten Ziel angekommen. Die naechsten zwei Stunden verbrachten wir damit, uns zu ueberlegen, ob wir denn nun weitergehen sollten oder nicht. Unser Respekt vor der Hoehe war betraechtlich; auf der anderen Seite stand die Aussicht, am naechsten Morgen 900 Hoehenmeter (statt "nur" 600) aufsteigen zu muessen, um den Pass ueberqueren zu koennen. Wir machten uns die Entscheidung nicht leicht, aber am Ende wagten wir den Weg hinauf zum High Camp. Dieser fuehrte im Zickzack einen steilen Hang hinauf, mit zunehmender Hoehe wurde er immer eisiger und schwieriger zu begehen. Wir fragten uns wirklich, wann wir endlich ans Ziel gelangen wuerden! Dann schliesslich, nach einer letzten eisigen Kurve, sahen wir die schneebedeckten Daecher vor uns. Wir hatten es geschafft! Im Nachhinein waren wir sehr froh, diesen Aufstieg noch an diesem Tag hinter uns gebracht zu haben.
Es folgte die letzte Nacht in der Hoehe. Den Nachmittag und Abend verbrachten wir mit Joey und Kitty und ihren Guides, die wir schon in Manang kennengelernt hatten, mit Kartenspielen und Teetrinken. Obwohl es dort oben weit unter null Grad hatte, gab es kein Feuer, zu kostbar ist dort das Feuerholz. Stattdessen huepften wir durch den Aufenthaltsraum, um unsere eisigen Zehen aufzuwaermen. :-) Nach dem Abendessen um 18:30 Uhr gingen wir direkt ins Bett, zwei Trinkflaschen mit heissem Wasser als Waermflaschen mit dabei. Zwei Schlafsaecke und vier Decken brauchten wir, um nicht zu frieren! Besonders gut geschlafen haben wir in dieser Nacht natuerlich trotzdem nicht, zu gross war die Aufregung vor der Passueberquerung. So war es fast eine Erleichterung, als um 3:55 Uhr morgens unser Wecker klingelte. Fruehstueck gab es um halb fuenf, Hunger hatten wir um diese Zeit zwar eigentlich nicht, aber dennoch zwangen wir ein tibetisches Brot mit Omelette hinunter. Wir hatten am Vorabend beschlossen, den Aufstieg zum Pass mit Joey und Kitty und ihren Guides gemeinsam zu wagen. Zu gefaehrlich ist es, in Hoehen ueber 5000m allein herumzuspazieren! Als wir uns um kurz nach fuenf Uhr morgens schliesslich auf den Weg machten, war es noch dunkel draussen. Mit Stirnlampen "bewaffnet" folgten wir den Guides auf dem ihnen vertrauten Pfad den Berg hinauf. Allein haetten wir uns niemals getraut, hier im Dunkeln herumzulaufen!
So langsam wie an diesem Tag sind wir noch nie einen Berg hinaufgelaufen. Der Weg an sich war, vom Eis und der Dunkelheit einmal abgesehen, gar nicht besonders schwer: in sanften Bahnen fuehrte er weiter bergauf. Doch wenn die Luft so duenn ist, dass man alle paar Schritte eine Pause braucht, wird der Aufstieg zum Kampf mit einem selbst. Mir jedenfalls ging es so. Bei jedem Schritt dachte ich an den Pass, der irgenwo dort oben auf uns wartete, daran, wie viel wir schon geschafft hatten und dass es nicht mehr weit war bis zum absoluten Hoehepunkt unserer Trekkingtour. Es tat gut, in einer Gruppe zu sein, zu sehen, dass die anderen ebenso sehr kaempften wie man selbst. Eine lebensfeindlichere Umgebung als dort oben kann man sich kaum vorstellen: die Luft war so kalt, dass selbst der heisse Tee, denn wir mitgenommen hatten, binnen drei Stunden zu gefrieren begann, meine Zehen schmerzten vor Kaelte und wir atmeten nur noch durch unsere Schals, um die eisige Luft ein bisschen aufzuwaermen. Als wir uns dem Pass endlich naeherten, pfiff uns der Wind so stark um die Ohren, dass wir uns manchmal alle aneinander festgehalten haben. Schliesslich versprachen uns die Guides, dass es nur noch zehn Minuten dauern werde bis zum Pass. Ein letzter Huegel, eine letzte Kurve, und dann: tatsaechlich! Dort oben wehten die zahllosen Gebetsfahnen, die den hoechsten Punkt des Weges kennzeichnen! Trotz knapper Luft brachen wir alle in abgehackte Jubelschreie aus, die uns auf den letzten Metern begleiteten. Wir hatten es geschafft! "Congratulations to the success" steht auf der Tafel, die dort oben angebracht ist, und wirklich - wir konnten so stolz auf uns sein!
Noch atemberaubender als der Blick auf den Pass selbst ist allerdings der Blick ueber den Thorung-La hinueber auf die andere Seite: ein endloses Tal, auf allen Seiten begrenzt von den hoechsten Bergen der Welt, tat sich vor uns auf. Selten hat mich etwas auf unserer Reise so beeindruckt wie dieser unerwartete Blick in die Endlosigkeit des Himmalaya.
Absurderweise gibt es dort oben am Pass ein winziges Teehaus, in das wir nun einkehrten, um uns mit einer Tasse Tee aufzuwaermen. Meine Zehen waren mittlerweile so kalt, dass ich sie an die heisse Tasse hielt, bis das Gefuehl langsam wieder zurueckkehrte. Allzu lange konnten wir dort oben aber nicht bleiben, die Guides draengten zur Eile, und das war auch gut so: ein endloser Abstieg wartete auf uns! Muktinath, der erste nennenswerte Ort auf der anderen Seite, liegt 1600 Hoehenmeter unter dem Pass. Der Abstieg erwies sich denn auch fast als noch schwieriger als der Aufstieg zuvor. Der Weg war komplett von Schnee bedeckt, oft auch von Eis, so dass man jeden Schritt sorgfaeltig setzen musste, um keinen Abhang hinunterzurutschen. Schritt fuer Schritt suchten wir uns unseren Weg. Es dauerte Stunden, bis wir flacheres Terrain erreichten. Die letzten Kilometer nach Muktinath, als es endlich flacher und einfacher wurde, gingen wir nur noch im Schneckentempo, so erschoepft waren wir von der Passueberquerung. Endlich erreichten wir unser Guesthouse, wo wir erst einmal ein paar Stunden nichts weiter taten, als im Bett zu liegen und zu doesen! Am Abend aber feierten wir unseren Erfolg mit Kitty und Joey im beruehmten "Bob Marley"-Guesthouse mit dem einen oder anderen Bier. Was fuer ein Abenteuer!

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