Freitag, 27. Juni 2014

Seltsam, aber schön

Hallo liebe Leser, seit fast anderthalb Wochen sind wir nun also wieder zurück in Deutschland. Seitdem bin ich oft gefragt worden, wie es sich anfühlt, nach so langer Zeit auf einmal wieder an bekannten Orten in bekannte Gesichter zu sehen. Darauf antworte ich meistens "seltsam, aber schön". Das trifft auch tatsächlich am besten, was ich in diesen Tagen fühle. Immer wieder gibt es Momente, in denen ich mich so richtig freue, wieder zu Hause zu sein, insbesondere wenn ich lieben Menschen begegne, die ich lange nicht mehr gesehen habe. Aber auch über so simple Dinge wie lang vermisste Produkte aus dem Supermarkt (vom simplen Speisequark bis zur Milchschnitte) freue ich mich. Börni wiederum futtert sich in diesen Tagen quer durch die bayerische Küche :-) Mindestens ebenso oft gibt es aber auch Momente, in denen es wirklich seltsam ist, sich wieder im deutschen Kulturraum zu bewegen. Schönstes Beispiel: unser erster Termin beim Arbeitsamt, beziehungsweise der Agentur für Arbeit, wie es jetzt ja so schön heißt. Da das Arbeitsamt zunächst unsere Krankenversicherung übernimmt, mussten wir uns dort gleich am ersten Tag nach unserer Ankunft in Deutschland melden. Also standen wir gleich morgens dort am Empfang. Zunächst drückte man uns ein Formular in die Hand, das wir ausfüllen sollten. Ich hatte allerdings erst drei Zeilen geschafft, da wurde ich auch schon aufgerufen. Die Dame war zwar sehr freundlich zu mir, doch schon beim Blick in den Reisepass hieß es: ohne Meldebestätigung von der Gemeinde kann ich Ihren Fall nicht aufnehmen. Also wurden Börni und ich erst einmal wieder nach Hause geschickt, wo wir unsere Unterlagen nach der Meldebestätigung vom letzten Herbst durchsuchten. Zum Glück war sie recht schnell gefunden, ebenso wie all die anderen Unterlagen, die die Dame sich gewünscht hatte, und wir konnten erneut die fünfzehnminütige Fahrt zur Agentur für Arbeit antreten. Dieses Mal wurde die Arbeitslosmeldung bearbeitet, und mit einem dicken Stapel Papiere durften wir uns wieder auf den Heimweg machen. Tja, so ist Deutschland eben :-) Was ich allerdings überhaupt nicht empfinde, ist Wehmut darüber, dass unsere Reise jetzt vorbei ist. Natürlich ist es nicht ganz einfach, wieder den Weg zurück ins "bürgerliche" Leben zu finden, die Suche nach einer Wohnung und einem neuen Job frisst jeden Tag mehrere Stunden, doch ich gehe diese Herausforderung optimistisch an. Wenn ich zurückblicke, dann voller Stolz auf das, was wir geschafft und erlebt haben, und mit dem sicheren Gefühl, dass es nicht unsere einzige längere Reise gewesen sein wird. Nun aber stehen andere Dinge wieder im Vordergrund, und das ist auch gut so. Drückt uns die Daumen, dass wir uns schnell wieder einfinden! :-)

Sonntag, 22. Juni 2014

Il grande finale

Hallo liebe Leser, nach zehn langen und abenteuerreichen Monaten „on the road“ war am Montag der letzte Tag unserer großen Reise gekommen. Was macht man nun an so einem letzten Tag? Feiern, was das Zeug hält? Noch einmal eine ganz verrückte Sportart ausprobieren? Bungeejumping vielleicht? Wir haben uns für eine eher gemütliche Art entschieden, den letzten Tag unserer Reise zu begehen, und ein Zimmer im vielleicht besten Hotel Malagas gebucht. Das „Posada del Patio“ ist mit fünf Sternen ausgezeichnet, und selbst unser Standardzimmer hatte einiges zu bieten, unter anderem ein Bad mit Badewanne und durch Glastüren abgetrenntem WC oder einen riesigen Flachbildfernseher. So gut gefiel uns das Zimmer, dass wir erst einmal gar nicht mehr heraus wollten. Für achtzehn Uhr war an diesem Tag das erste Deutschlandspiel angesetzt, und nachdem Public Viewing in Spanien ohnehin nicht so verbreitet zu sein scheint, haben wir es uns stattdessen im Bademantel und mit einem Tässchen Tee vor dem Fernseher gemütlich gemacht :-) Das Spiel verlief ja bekanntlich zu unserer allergrößten Zufriedenheit, und so waren wir blendender Laune, als wir uns im Anschluss daran auf den Weg zum Abendessen machten. Das Restaurant, das wir für diesen Abend gewählt hatten, war klein aber fein. Beim vielleicht besten Essen unserer Reise, ganz sicher aber dem besten Essen unserer Zeit in Spanien ließen wir unsere Reise Revue passieren. Gemeinsam erinnerten wir uns zurück an die schrecklichsten Busfahrten, die schönsten Ausflüge und die Leute, die uns am meisten in Erinnerung geblieben sind und so weiter und so fort. Ein letzter Spaziergang durch die wunderschöne Altstadt Malagas rundete unseren letzten Abend ab. Was für ein schöner Ausklang!

Montag, 16. Juni 2014

Strand-Hopping am Cabo de Gata

Guten Morgen noch einmal!

Unsere Reise nähert sich langsam aber sicher ihrem Ende. Doch bevor wir nach Hause fahren, wollen wir auf jeden Fall noch einmal so viel Sonne wie möglich tanken! So knackigbraun wie in Thailand werden wir zwar vermutlich nie wieder, aber dennoch wäre es schön, wenn auch unser Teint von unserem extralangen Sommer zeugen würde. ;-)

Besonders schöne Strände findet man hier in Andalusien in und um Almería, insbesondere im Nationalpark "Cabo de Gata". Angeblich handelt es sich hierbei um die trockenste Ecke von ganz Europa, nur Kakteen und andere Sukkulenten wachsen hier noch. Auf den ersten Blick kein sehr anziehender Ort, sondern eine karge Einöde. Doch zwischen den trockenen Hügeln und dem leuchtend blauen Mittelmeer verstecken sich zahlreiche wunderschöne Strände, die oft nur zu Fuß zu erreichen sind.

Gegen Mittag machten wir uns von Almería aus auf den Weg. Wir passierten riesige Obst- und Gemüseplantagen, deren weiße Plastikzelte in der Sonne den Geruch von feuchter Erde ausstrahlten, und die Salinen, in denen noch heute Salz aus dem Wasser des Mittelmeers gewonnen wird. Zahlreiche Flamingos kann man hier beobachten, wie sie mit ihren Schnäbeln im flachen Wasser nach Nahrung suchen.

Bald danach erreichten wir einen alten Leuchtturm, den wir kurz besichtigen wollten. Der Strand dahinter erwies sich allerdings als so einladend, dass aus dem kurzen Stopp gleich ein ausgiebiges Sonnenbad wurde! :-) Auch das Wasser ist uns mittlerweile warm genug, so dass ich mich mit einem Sprung ins kühle Nass erfrischen konnte.

Der größten Hitze in der Mittagszeit entflohen wir, indem wir mit weit geöffneten Fenstern durch den Park fuhren, durch kleine Dörfer und über abenteuerliche Küstenstraßen, mit dem Meer immer im Blick und dem Wind in den Haaren. Dann erreichten wir einen der angeblich schönsten Strände des Parks, die "Playa de los Genoveses". Von zwei Halbinseln auf beiden Seiten begrenzt liegt der Strand in der Tat sehr schön und bietet vor allem ein flaches Ufer, an dem man relativ weit ins Meer hinaus spazieren kann. Nur die Algen, die hier gerade angespült wurden, trübten das Bild ein wenig. Dennoch gönnten wir uns noch einmal ein Bad und eine Stunde in der Sonne, bevor wir uns auf den Heimweg machten. Ein herrlicher Tag!

Que vergüenza!

Guten Morgen liebe Leser!

Endlich ist es wieder soweit: die Fußball-Weltmeisterschaft hat begonnen! Leider sind wir nun zwar nicht wie zwischendurch geplant in Brasilien live mit dabei, aber für die Spiele interessieren wir uns natürlich trotzdem!

Da wir gerade in Andalusien sind, wollten wir uns natürlich den ersten Auftritt der spanischen Mannschaft nicht entgehen lassen. Von deutschen Fussballtraditionen geprägt, machten wir uns gut eine Stunde vor Anpfiff auf den Weg, um eine Bar zu finden, in der wir das Spiel ansehen konnten. Aber was war das? Statt voller Bars erwarteten uns leere Stuhlreihen und freie Tische, selbst direkt vor den überall aufgestellten Fernsehern. Entweder halten die Spanier nichts davon, Fußball in der Öffentlichkeit zu schauen, oder der größte Teil der Fans hatte sich an einem Ort versammelt, von dem wir nichts wussten. Jedenfalls waren uns alle Bars im näheren Umkreis unserer Übernachtung eher zu leer als zu voll. ;-)

Schließlich ließen wir uns in einer kleinen Tapas-Bar nieder, in der sogar noch ein Tisch unmittelbar vor dem großen Flachbildschirm frei war und bestellten uns etwas zu trinken. Zu diesem Zeitpunkt war nur ein einziger weiterer Gast anwesend, ein Mann am Nachbartisch, der uns (vermutlich wegen unseres "unspanischen" Aussehens) gleich erst einmal fragte, ob wir denn auch für Spanien seien. Selbstverständlich antworteten  wir brav mit "ja" :-)

Das Spiel, das die meisten von euch wohl auch gesehen haben, begann denn ja auch für die Spanier sehr zufriedenstellend. 40 Minuten lang herrschte am Nachbartisch und bei den Kellnern allerbeste Laune. Doch dann holten die Holländer zum Gegenschlag aus, und während wir uns bei jedem Tor heimlich freuten, kippte die Laune um uns herum ins Gegenteil. Nach dem 4:1 wollte sich einer der Kellner das Trauerspiel nicht länger ansehen und zog sogar kurzzeitig den Stecker :-) Ein anderer fand keine anderen Worte mehr als ein entsetztes "Que vergüenza!" ("Welche Schande!").

Am nächsten Tag zierte die Sportzeitung "Marca" ein komplett schwarzes Titelblatt. Doch mittlerweile zeigen sich die Spanier zunehmend solidarisch mit ihrer Mannschaft, überall hört man jetzt "La roja si puede!" ("Die Roten können es doch!"). Ob sie Recht haben, werden wir am Mittwoch sehen, wenn Spanien gegen Chile antritt. Auf welcher Seite wir beide stehen werden, ist klar! ;-)

Freitag, 13. Juni 2014

Von Wachteln und Schnecken

Guten Abend liebe Leser,

Vier Tage haben wir in Sevilla verbracht. Neben den zahlreichen touristischen Attraktionen wie zum Beispiel der größten Kathedrale der Welt stand die kulinarische Tradition dieser Stadt im Mittelpunkt unseres Besuchs. Schon am ersten Tag unseres Aufenthalts entdeckten wir eine kleine Bar, in der es zu jeder Tageszeit vor Gästen nur so wimmelte. Schnell fanden wir den Grund: egal ob Spinat in würziger Käsesauce, hausgemachte Kroketten oder Brötchen dick mit Schinken belegt, die Tapas schmeckten hier einfach fantastisch! Dazu ein Glas eisgekühlter "Tinto de Verano" - eiskalter Rotwein mit Zitronenlimonade, ein Getränk, das vermutlich nur hier unter der heißen Sonne des Südens Spaniens so richtig schmeckt :-) Mehr als einmal quetschten wir uns zwischen die zahlreichen Gäste an der Bar, um dem Kellner unsere Bestellung ins Ohr zu brüllen. Auch wenn wir nie den Eindruck hatten, dass er uns überhaupt zuhörte, wir bekamen doch immer was wir wollten :-)

Noch außergewöhnlicher war allerdings das Essen in der Bar "Ruperto" in die uns unsere Gastgeber Laura und Felix entführten. Von außen ist diese Bar wenig verlockend: weiße Plastiktische, keine Sitzgelegenheiten, und überall auf dem Boden liegen Servietten und Essensreste, so dass es ein bisschen aussieht wie am Würstchenstand im Stadion am Ende der Halbzeitpause :-)
Doch wer schon einmal in Spanien war, der weiß, dass hier die schmutzigsten Bars oft das beste Essen servieren, und auch in diesem Fall ist das "Ruperto" in ganz Sevilla berühmt. Wer hierher kommt, möchte im Normalfall nur eines essen: knusprig gegrillte Wachteln.
Keine zwei Minuten nach der Ankunft hatten auch wir jeweils eines dieser winzigen Vögelchen vor uns liegen. Bisher hatte ich noch nie eine Wachtel gegessen, also probierte ich vorsichtig eines der mageren Beinchen. Der Geschmack? Durchaus lecker, knusprig, ein bisschen wie die leckeren Grillhendl vom Volksfest, aber jetzt auch nicht soooo außergewöhnlich, dass ich dafür durch ganz Sevilla fahren würde :-)

Die zweite Spezialität, die unsere Gastgeber uns kredenzten, war da schon eine andere Hausnummer: ein großer Teller Schnecken. Auf die Tatsache, dass man bei genauerem Hinsehen noch die kleinen Gesichter mit den "Antennen" auf den Köpfen sehen konnte, war ich ja noch gefasst gewesen, aber der Anblick, wenn man die gekringelten Körper aus dem Schneckenhaus zieht... aus Anstand habe ich eine Schnecke hinuntergewürgt, aber anfreunden kann ich mich damit nun wirklich nicht. Börni hatte da allerdings weniger Hemmungen und hat gleich den ganzen Teller leergeputzt :-) Dennoch ist die andalusische Küche mit Sicherheit eine der besten auf unserer Reise!

Sonntag, 8. Juni 2014

Ein verrückter Tag

Guten Abend noch einmal,

Nach unserem Ausflug nach Gibraltar wollten wir uns am nächsten Tag eigentlich an einen der berühmten Strände von Tarifa legen und das süße Nichtstun genießen. Doch die Sonne versteckte sich immer wieder hinter den Wolken und ein kräftiger Wind wehte durch die Stadt. So kam es, dass wir uns kurzfristig entschieden, einen Whale Watching-Ausflug zu machen! Bei einem bedrückenden Vortrag klärte uns die Stiftung, die die Ausflüge anbietet und die Wale und Delfine in der Straße von Gibraltar erforscht, zunächst einmal über die traurigen Realitäten des Fischfangs und des Schiffsverkehrs auf, unter denen die Tiere leiden. Dann ging es im Schnellboot hinaus aufs Meer.

Zu Beginn geschah nicht viel, und ich hatte schon die Befürchtung, auf dieser Fahrt nicht allzu viele Meeressäuger zu Gesicht zu bekommen, als plötzlich ein Ruck durchs gesamte Boot ging und alle Passagiere auf die linke Seite strömten. Ein Wal war gesichtet worden! Schnell stellte sich heraus, dass es nicht nur einer war, sondern gleich eine Gruppe von fünf Tieren, und es waren nicht irgendwelche Wale, sondern Finnwale, die zweitgrößten Tiere der Welt! Selbst die Praktikantin der Stiftung, die seit vier Wochen tagtäglich auf dem Boot gewesen ist, war völlig aus dem Häuschen, denn eine so große Gruppe hat echten Seltenheitswert! Zu unserer Freude blieben die Tiere eine ganze Weile an der Oberfläche, sie schwammen parallel zu unserem Boot, so dass wir wunderbar beobachten konnten, wie sich ihre endlosen Rücken aus dem Wasser hoben. Auch ein Jungtier war dabei, das seiner Mutter nicht von der Seite wich. Ich hätte ihnen ewig zusehen können.

Doch der Ausflug hielt noch weitere Überraschungen für uns bereit: einen Pottwal, eine große Gruppe Tümmler und eine kleinere Gruppe der putzigen Grindwale besuchten uns ebenfalls! Mit so vielen Sichtungen hatten wir keinesfalls gerechnet, und alle an Bord waren schwer begeistert.

Am Nachmittag fuhren wir dann weiter nach Cadiz, wo wir uns für die Nacht über Airbnb bei Elsa und Staan einquartiert hatten. Wie sich bei unserer Ankunft herausstellte, hatten sie das Haus - ein ehemaliges Waisenhaus - gerade erst bezogen, und so wirkte alles noch etwas improvisiert. Doch die beiden waren super nett und luden uns für den Abend zum Paellakochen in das Hostel ein, in dem Staan arbeitet. Das machte das Chaos im Haus locker wieder wett. :-) Allerdings gab es ein paar Probleme mit den brandneuen Schlüsseln: als wir nachts nach Hause kamen, konnten wir unser Zimmer nicht aufschließen! Im Haus lagen zwar überall Schlüssel, doch der richtige war leider nicht dabei. Staan und Elsa waren noch nicht zu Hause, doch da wir wussten, wo wir sie finden würden, machte ich mich letzten Endes mitten in der Nacht auf die Suche nach ihnen! Zum Glück traf ich sie einige Straßen weiter, und sie eilten sogleich mit mir nach Hause, um mit uns nach dem richtigen Schlüssel zu suchen, der sich schließlich in einer Tüte in ihrem Büro fand ;-) Todmüde fielen wir dann gegen ein Uhr schließlich ins Bett.

Samstag, 7. Juni 2014

Eine Reise in die Vergangenheit

Guten Abend liebe Leser,

Von Ronda aus sind wir an einen Ort gefahren, den ich schon sehr gut kenne - Gibraltar. Im Rahmen meiner Magisterarbeit habe ich 2009 einige Wochen dort verbracht und so war ich gespannt, was sich verändert hatte und was noch meiner Erinnerung entsprechen würde.

Schon aus der Ferne grüßte uns "The Rock", der riesige Felsen, an dessen Ufer sich Gibraltar schmiegt. Der Weg dorthin hat sich in den letzten Jahren wenig verändert - noch immer muss man die Landebahn des Flughafens überqueren, um in die Stadt zu gelangen. Wir hatten Glück - unmittelbar nach uns wurde der Übergang gesperrt und wir konnten die Landung eines A320 der Monarch Air aus nächster Nähe bestaunen!

Eine Welle der Erinnerungen überflutete mich, als wir wenig später den Casemates Square am Beginn der Haupt-Einkaufsstraße erreichten. Hier habe ich damals Tag für Tag gestanden und Fragebögen  an die Gibraltarianer verteilt ;-) Erstaunlicherweise sieht es hier noch exakt so aus wie damals, dieselben kleinen Restaurants bieten Fish&Chips für die zahllosen Kreuzfahrttouristen, Duty Free Geschäfte verkaufen ihnen günstigen Alkohol und Zigaretten. Alles ist auf eine merkwürdige Art und Weise britisch, von den roten Telefonzellen über die Straßenlaternen und die britischen Modeläden, die die Straßen säumen. Hier wird sogar mit Pfund bezahlt, mit Noten, die exklusiv für Gibraltar gedruckt werden (aber natürlich auch im Rest Großbritanniens gültig sind). Nur die Geräuschkulisse verrät, wo man sich befindet: das sanfte Bellen der englischen Sprache mischt sich mit den schnatternden Tönen des Spanischen.

Die meisten "Attraktionen" der Stadt lassen wir links liegen, nur auf den Felsen von Gibraltar wollen wir. Vor fünf Jahren bin ich noch hoch gelaufen, diesmal gönnen wir uns die Fahrt mit der Seilbahn :-) Die Sicht ist nicht optimal, dennoch können wir in der Ferne klar und deutlich Afrika erkennen, den Kontinent, auf dem unsere Reise vor so langer Zeit begonnen hat. Lange starren wir auf die andere Seite und denken an all die verrückten Dinge, die wir dort erlebt haben, bevor wir uns an den Abstieg machen. Wir begegnen natürlich den omnipräsenten Berbermakaken, aber auch einem Einwohner des Felsen, mit dem wir nicht gerechnet hatten: eine Schlange! Nach unseren Schlangenbegegnungen in Australien und Asien ist es das vierte Mal, dass wir einem dieser unheimlichen Tiere begegnen. Und dieses Mal sind wir wirklich nah dran: nur einen Meter vor uns schlängelt sie sich gemütlich über den Weg, von unserer Abwesenheit vollkommen ungerührt. Unheimlich!

Schließlich sind wir zurück in der Stadt, und unsere müden Füße haben für einen Tag genug vom Laufen - wir sind froh, als wir unser Auto erreichen, und freuen uns auf einen ruhigen Abend. :-)

Dienstag, 3. Juni 2014

Ronda - eine Stadt am Abgrund

Hallo noch einmal! Nachdem wir - unfreiwilligerweise - ganze neun Tage in Malaga verbracht hatten (Börni hatte sich aus Indien zum Abschied noch einmal eine Magenverstimmung mitgebracht), haben wir uns kurzfristig dazu entschlossen, uns gegen Ende unserer Reise noch einmal den Luxus eines Mietwagens zu können und kurven jetzt in einem winzigen, aber nagelneuen Fiat Panda durch Andalusien :-) Erstes Ziel auf unserer Route war das winzige Städtchen Ronda in der Sierra de las Nieves. Eigentlich wäre es nur eines von zahllosen weißgetünchten Bergstädtchen der Region, würde es nicht von einer tiefen, schmalen Schlucht durchzogen, die zwei Stadtteile voneinander trennt. Drei Brücken kreuzen die Schlucht, auf denen die Touristen um die besten Fotos der atemberaubend schönen Berglandschaft im Hintergrund wetteifern. Des Weiteren ist Ronda bekannt als die Heimat des Stierkampfs, die Arena soll eine der schönsten Andalusiens sein. Wir haben sie jedoch nur von außen gesehen, 6,50€ Eintritt waren uns doch zu teuer für solch ein doch eher simples Gebäude. Mein Highlight in Ronda war jedoch das schmucke kleine Häuschen der Japanerin Toko und ihrem Ehemann, in dem wir übernachten durften. Es ist eines der alten, weißgetünchten Gebäude innerhalb der Stadtmauern mit einer hübschen kleinen Dachterrasse, von der aus man einen tollen Blick auf die Berge hat. So würde ich auch gerne wohnen!

Auf den Spuren Picassos

Guten Abend liebe Leser! Unser erster Stopp im schönen Spanien war also Malaga, die Heimatstadt des vielleicht berühmtesten Malers des 20.Jahrhunderts, Pablo Ruiz Picasso. Obowhl Picasso nur wenige Jahre in dieser Stadt gelebt hat, ist er doch immer noch allgegenwärtig. Es gibt eine Bar "Picasso", ein Büchergeschäft "Picasso", eine Sprachschule "Picasso", das Geburtshaus Picassos und natürlich das Picasso-Museum, um nur einige Beispiele zu nennen. Zufällig besuchten wir Malaga am letzten Sonntag des Monats, weshalb wir für das Geburtshaus und das Museum keinen Eintritt bezahlen mussten. Während sich das Geburtshaus vor allem auf Picassos Herkunft konzentriert, werden im Museum einige seiner Werke ausgestellt. Wir nahmen uns angemessen Zeit, beides zu würdigen und waren dennoch nach jeweils einer halben Stunde fertig :-) Wesentlich mehr Zeit verbrachten wir am größten Strand der Stadt, der Malagueta. Der Sand ist zwar eher grobkörnig und bräunlich als puderzuckerfein, dennoch tummeln sich hier Einheimische und Touristen gleichermaßen. Nach dem konservativen Indien für uns ziemlich gewöhnungsbedürftig war die Zahl der Damen jeden Alters, die ihre mehr oder weniger ansehnlichen Brüste gnadenlos nackt der Sonne aussetzten :-) Die größte Attraktion Malagas ist aber unserer Meinung nach die enorme Dichte an Bars, Cafes und Restaurants. Im Stadtzentrum gibt es mehr Bars als Geschäfte, und zur Siesta zwischen zwei und vier sowie ab zwanzig Uhr sind sie alle gut gefüllt! Zu einem Gläschen Bier oder Rotwein lässt man sich insbesondere alle möglichen Tapasvariationen schmecken: geräucherter Schinken, Tortilla, Salat aus gegrillten Paprika oder frittierte Fischhäppchen. Lecker!

Sonntag, 1. Juni 2014

Kulturschock rückwärts

Hallo liebe Leser,

Liebe Grüße aus Malaga, Spanien! Seit einer Woche sind wir also zurück in Europa. Was für eine Umstellung!

Das erste, was uns auffiel, als wir in Malaga aus dem Flieger gestiegen sind, war der Temperaturunterschied. Obwohl es hier mit 25-30 Grad keinesfalls kalt ist, mussten wir uns nach Wochen der Tropenhitze erst wieder eingewöhnen. Das Schöne an den gemäßigteren Temperaturen hier am Mittelmeer - man kann sich problemlos den ganzen Tag lang draußen aufhalten und muss sich nicht über die Mittagszeit in heruntergekühlten Hotelzimmern verstecken. Und wo verbringt man die sonnige Zeit am besten? Natürlich am Strand! Nur das Wasser ist uns zum Baden doch ein bisschen kalt hier ;-)

Eine weitere Überraschung war für uns, wie ruhig es hier doch eigentlich ist. Spanien ist ja im europäischen Vergleich kein besonders leises Land, doch im Vergleich zu dem alltäglichen Lärmpegel indischer Großstädte herrscht hier in Malaga geradezu himmlische Ruhe. Am Anfang war uns das fast ein bisschen unheimlich, so sehr hatten wir uns an die allgegenwärtige Geräuschkulisse gewöhnt! Kein Hupen, keine bettelnden Kinder, keine schrille Bollywoodmusik... nur die Touristenschlepper, die gibt es auch hier ;-)

Apropos Hupen: mit dem europäischen Straßenverkehr haben wir noch so unsere Probleme. Auf einmal gibt es wieder Gehsteige, Radwege und Ampeln, und alle halten sich an die Spielregeln. Allerdings kommen die Autos nach neun Monaten Linksverkehr auf einmal scheinbar von der falschen Seite, und es fällt uns immer noch schwer zu glauben, dass sie am Zebrastreifen wirklich anhalten. Den einen oder anderen panischen, aber vollkommen unnötigen Sprung zur Seite haben wir in den letzten Tagen noch hingelegt ;-)

Am meisten beeindruckt es mich aber, wie geordnet es hier in Europa doch zugeht. Die Straßen sind blitzsauber und die Luft ist so klar, dass das Licht der Sonne eine ganz andere Qualität hat. Die Häuser erscheinen mir riesig und sehen so unfassbar gepflegt aus, und das Wasser aus der Leitung kann man trinken, ohne sich den Tod zu holen. Sogar die Tatsache, dass aus dem Duschkopf wieder heißes Wasser kommt, ist für uns nach vier Monaten in Asien alles andere als eine Selbstverständlichkeit!

Es ist ein schönes Gefühl, wieder in heimatlicheren Gefilden zu sein :-)

Montag, 26. Mai 2014

Europa ruft!

Namaste liebe Leser,

Nach sechs Wochen in Indien und insgesamt etwa vier Monaten im asiatischen Raum ist für uns die Zeit gekommen, zu neuen Ufern aufzubrechen. Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich am Flughafen von Delhi und frage mich selbst, was ich denn nun eigentlich halte von dieser größten Demokratie der Welt.

Im Prinzip fällt mir nur ein einziges Wort ein, mit dem man dieses Land beschreiben kann: überwältigend. Indien ist nicht wie andere Länder. Indien nimmt den Besucher vom ersten Tag an ganz und gar gefangen. Ich wage sogar zu behaupten, Indien ist das bunteste, verrückteste und schnelllebigste Land auf dieser Welt. So sehr wir das Chaos auf Indiens Straßen manchmal verflucht haben, so sehr werde ich das Durcheinander aus Chai- und Omeletteverkäufern und Touristenschleppern, aus den bunten Saris der Frauen und den schmutzigen Gesichtern der Kinder vermissen. Jedes andere Land wirkt blass gegenüber dem Abenteuer Indien.

Bezeichnend, dass es Indien gelungen ist, uns heute ganz zum Schluss noch einmal zu überraschen. Zum einen mit einer der schlimmsten Taxifahrten meines Lebens. Vieles haben wir gerade auf asiatischen Straßen schon über uns ergehen lassen müssen, doch als unser Taxifahrer mit sechzig Sachen im Slalom rund um die gigantischen Betonsäulen der Metro raste, nur um anschließend mit Kleinlastern und Rickschas eine Art Straßen-Tetris zu spielen, habe ich mich dann doch am (abgeschnittenen) Gurt festgeklammert und ein Stoßgebet zum Himmel geschickt. Wundersamerweise heil angekommen, folgte dieser irren Fahrt einer der für Indien so typischen Gegensätze. Das Taxi setzte uns vor einem Terminal des Flughafens von Delhi ab, das mit seiner Modernität und Sauberkeit so einige europäische Airports vor Neid erblassen ließe. Und diese himmlische Ruhe in den majestätischen Hallen! Ich werde aus diesem Land einfach nicht schlau.

Trotz aller Faszination, die Indien nach wie vor auf mich ausübt, freue ich mich in diesem Augenblick aber auch wahnsinnig auf unser nächstes Ziel: Spanien. Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Anziehungskraft beispielsweise der Gedanke an westliche Supermärkte momentan auf uns ausübt! Oder die Freude auf ein Land, in dem wir nicht kontinuierlich von allen Seiten angestarrt werden, als wären wir irgendwelche Hollywood-Superstars (oder grüne Marsmännchen, würde auch keinen Unterschied machen). Nach neun Monaten in der Ferne haben wir manches zu schätzen gelernt, das wir vorher für selbstverständlich hielten, und so sage ich nun voller aufrichtiger Vorfreude: Europa, wir kommen! ;-)

Geschrieben am 24.05.2014, 00:45 Uhr, Flughafen Delhi

Mittwoch, 21. Mai 2014

Auf dem Rücken eines Kamels

Guten Morgen liebe Leser,

Das kleine Städtchen Jaisalmer markiert den westlichsten Punkt der Bahnstrecke, die von Delhi aus den Bundesstaat Rajasthan durchquert. Mitten in der Wüste gelegen und von einem weiteren massiven Fort aus vergangenen Zeiten gekrönt, gäbe es eigentlich keinen Grund hierherzukommen, wären findige Geschäftsleute nicht auf die Idee gekommen, Touristen einen kleinen Einblick in das Leben in der Wüste zu geben.

Dank der enormen Hitze von vierzig Grad und mehr waren jetzt im Mai allerdings nur wenige Touristen auf den Straßen zu sehen - ein Glück, den so wirkte die Stadt lange nicht so überlaufen, wie sie es in der Hochsaison sein muss. Viele Restaurants und Tourenanbieter hatten bereits geschlossen, und die Einwohner Jaisalmers konzentrierten sich mehr auf ihren Alltag denn darauf, Touristen unnütze Souvenirs anzudrehen.

Das Fort von Jaisalmer wird heute noch bewohnt - ein lebendiges Denkmal und nicht nur ein für Anschauungszwecke konserviertes Relikt. Die schmalen Gassen zwischen sandsteingelben Gebäuden bieten Schutz vor der unerbittlichen Sonne, hinter jeder Ecke wartet eine kleine Überraschung: ein Jahrhunderte alter Tempel, eine kunstvoll ausgearbeitete Hausfront oder der Blick über die Stadtmauern hinweg in die weiten Ebenen der Thar-Wüste, die uns hier noch vom Nachbarn Pakistan trennt.

In eben diese Wüste begaben wir uns am nächsten Tag. Ein Jeep brachte uns aus der Stadt hinaus zu dem Punkt, an dem wir auf unser eigentliches Fortbewegungsmittel umsteigen sollten: Kamele! Die Tiere saßen am Straßenrand im Sand und warteten auf uns. Schon in dieser Position war zu erahnen, wie groß so ein Kamel tatsächlich ist, denn der Sitz befand sich in etwa auf Höhe meines Bauchnabels, und der Aufstieg muss dementsprechend wenig damenhaft gewirkt haben :-)
Kaum saß ich im Sattel, begann das Tier, sich aufzurichten. Zunächst streckte es seine Hinterbeine, wodurch der Rücken, auf dem ich mich nun panisch am Rand des Sattels festzuklammern versuchte, in erhebliche Schieflage geriet. Dann folgten mit Schwung die Vorderbeine, was zwar mit heftigem Gewackel verbunden war, mich aber zumindest wieder in eine halbwegs aufrechte Position zurückbrachte!

Nachdem ich mich an den schaukelnden Gang des Kamels gewöhnt hatte, begann ich diesen Ausflug dann aber doch zu genießen. Langsam überquerten wir sandige Dünen und Ebenen voller Dornenbüsche, und ich genoss die Stille in meinen Ohren und den Wind in meinem Haar. Viel zu bald erreichten wir den Platz, an dem wir die Nacht verbringen würden, eine Ebene am Rande eines Dünenfeldes. Unser Kamelführer Ali begann mit der Vorbereitung des Abendessens und erzählte ein wenig aus seinem Leben. Mit gerade einmal zehn Jahren hat er begonnen, Kamelsafaris zu begleiten, seit seinem fünfzehnten Lebensjahr als Kamelführer. Heute, mit 25, träumt er davon, sein eigenes Kamel zu erwerben, nur noch wenige tausend Rupien trennen ihn von diesem Ziel. Nach dem Abendessen, mit einfachsten Mitteln über dem offenen Feuer gekocht, spazierten wir die Dünen hinauf, um einen Blick auf den Sternenhimmel zu werfen, der über uns leuchtete. Wir unterhielten uns so gut, dass wir gar nicht bemerkten, wie Wolken aufzogen, erst ein kräftiger Windstoß, der uns den Sand in die Augen blies, trieb uns zurück in die Ebene. Dort machten wir es uns in unseren viel zu kurzen Feldbetten gemütlich und schliefen unter freiem Himmel.

Der nächste Tag ähnelte seinem Vorgänger, auf dem Rücken unserer Kamele streiften wir durch die Wüste. Wir sahen zu, wie unsere Kamelführer Wasser mühevoll aus einem tiefen Brunnen schöpften und passierten ein Wüstendorf, in dem die Frauen große Töpfe auf ihren Köpfen balancierten. Als wir gegen Mittag dann unser Ziel erreichten, ein schattiges Plätzchen zwischen Büschen voller Pfauen, war ich aber doch ganz froh, von meinem Kamel heruntersteigen zu dürfen - Beine und Rücken schmerzten von der ungewohnten Sitzhaltung. ;-) Nach einem Nickerchen und einem würzigen Mittagessen ging es schließlich zurück in die Stadt. Ein toller Ausflug!

Freitag, 16. Mai 2014

Stahlseil mit Aussicht

Hallo liebe Leser,

Unsere Abreise aus Jaipur gestaltete sich weniger einfach als erwartet, unser Zug hatte nämlich fünf Stunden Verspätung. Dadurch verzögerte sich unsere Ankunft in Jodhpur bis tief in die Nacht. Erst gegen 22:30 Uhr erreichten wir unser Hostel, welches - allen positiven Bewertungen im Internet zum Trotz - das wohl schmutzigste Badezimmer unserer Reise aufwies. :-( Doch so spät in der Nacht wollten wir nicht mehr umziehen. Aufgrund der späten Uhrzeit musste auch das Abendessen entfallen.

Am nächsten Morgen wollten wir das mit einem ordentlichen Frühstück wettmachen. Doch da die Reisezeit hier in Rajasthan schon so gut wie vorbei ist, hatten viele Restaurants bereits geschlossen. So blieb uns für unser Frühstück nur eine Empfehlung aus dem Lonely Planet: Vicky Chouhan's Omelette Shop. Der winzige Stand bietet nur ein einziges Gericht: Omelettes in allen Variationen. Das war zwar nicht unbedingt, was wir uns vorgestellt hatten, doch immerhin war das Essen gut und sättigend, so dass wir anschließend mit dem Sightseeing beginnen konnten.

Jodhpur hat, wie so viele indische Städte, ein großes Fort über der Stadt zu bieten. Nachdem wir schon so viele ähnliche Gebäude gesehen hatten, überlegten wir kurz, gar nicht erst hinaufzugehen - ein Glück, dass wir es doch getan haben! Von allen Forts war Mehrangarh das schönste, mit reich verzierten Sandsteinmauern und einer atemberaubenden Aussicht über die "blaue Stadt"!

Auf dem Gelände des Forts gibt es auch eine "Flying Fox" genannte Attraktion - sechs lange Seilbahnen durchziehen das Gelände, die man ähnlich wie in einem Hochseilgarten hinabrasen kann. Mit einem wundervollen Blick über die Stadt natürlich!

Das wollte ich unbedingt erleben, doch vor der ersten Seilrutsche rutsche mir dann doch das Herz in die Hose. Bestimmt fünfzig Meter lang war das Seil, es führte über Bäume und Abhänge hinweg zu einem anderen Teilstück des Forts. Doch nachdem sich ein junges indisches Mädchen ohne jedes Zögern in das Abenteuer gestürzt hatte, wollte ich nicht als Feigling dastehen. Also Augen zu und durch! In dem Moment, in dem meine Füße den sicheren Grund verließen, war mir ganz schön mulmig zumute, doch als ich die tolle Aussicht auf die leuchtend blauen Häuser der Altstadt bemerkte, begann ich die Sache zu genießen! Die verbleibenden fünf Seilrutschen waren dann nur noch ein Riesenspaß ;-)

So hat sich eine Stadt, die auf den ersten Blick wenig spannend erschien und die wir eher als einen kurzen Zwischenstopp auf einer langen Fahrt in Richtung Westen angesehen hatten, als einer der nettesten Orte unserer Tage in Indien entpuppt!

Montag, 12. Mai 2014

Jaipur - Stadt der Grapscher

Hallo liebe Leser, nach ein paar anstrengenden, aber auch sehr schoenen Tagen in Delhi sind wir am Samstag am fruehen Morgen mit dem Zug nach Jaipur gefahren, unserem ersten Ziel im Wuestenstaat Rajasthan. Schon auf der Fahrt hierher konnten wir durchs Fenster beobachten, wie die Landschaft draussen immer trockener und sandiger wurde. Ueberraschenderweise ist es hier aber zumindest nicht heisser als in Indiens Hauptstadt :-) Jaipur ist auch unter dem Namen "Pink City" bekannt. Grund hierfuer ist moeglicherweise der Besuch des Prince of Wales im Jahre 1876, anlaesslich dessen der Maharaja wohl veranlasste, dass die gesamte Altstadt pink angestrichen werden sollte, vielleicht aber auch nur der roetliche Sandstein, aus dem Teile der Stadt erbaut wurden. In unseren Augen sind die Haeuser zwar eher hellbraun als schweinchenrosa, aber wir wollen mal nicht so pingelig sein. :-) Beruehmt ist Jaipur fuer die vielen alten Bauten aus der Zeit der Maharajas wie den Stadtpalast oder das Nahagarh Fort. Diese sind zweifellos alle schoen anzusehen, doch mit den praechtigen Gebaeuden in Agra koennen sie nicht so ganz mithalten. Doch nicht nur deswegen gefaellt uns Jaipur aber nicht ganz so gut wie andere Staedte hier in Indien - aus irgendeinem Grund machen sich die Leute hier in Jaipur einen Spass daraus, mich als offensichtliche Auslaenderin zu begrapschen... und das finde ich nun gar nicht lustig :-( Meistens ist es zum Glueck eher harmlos, doch zwei Mal habe ich mich wirklich geaergert. Das erste Mal war es eine junge indische Frau, die mich - aus heiterem Himmel - im Vorbeigehen mit aller Kraft in den Unterarm zwickte. Habt ihr eine Idee, was sie damit bezwecken wollte? Also ich nicht. Noch viel mehr habe ich mich allerdings geaergert, als ein frecher indischer Junge heute meinte, mir ans Dekolleté fassen zu muessen. Wohl um seinen Kumpels etwas zu beweisen, doch der Schuss ging nach hinten los! Ich habe ihn mir geschnappt und ihm eine ordentliche Standpauke gehalten. Hoffentlich war es ihm zumindest ein bisschen peinlich, vor seinen Kumpels zusammengestaucht zu werden :-) So kommt es, dass wir uns freuen, wenn es morgen weitergeht nach Jodhpur. Drueckt mir die Daumen, dass die Leute dort etwas zurueckhaltender sind! :-)

Mittwoch, 7. Mai 2014

Ich versteh nur Bollywood

Guten Abend liebe Leser!

Nach neun wunderbar erholsamen Tagen im Anand Prakash Ashram in Rishikesh sind wir vorgestern spät abends in Delhi angekommen. Der Unterschied könnte größer kaum sein. Hier (für indische Verhältnisse) idyllische Ruhe, Yoga, Meditation und Entspannung, dort Menschenmassen, Lärm und zahllose Touristenschlepper :-)

Dennoch gefällt uns Delhi überraschend gut. Ich kann mich nicht erinnern, auf unserer Reise eine vielfältigere Stadt gesehen zu haben als diese! Da wäre zum einen Old Delhi mit seinen imposanten kulturellen Relikten wie dem Roten Fort.

Auch wenn dieses bestenfalls ein bescheidener Verwandter des beeindruckenden Forts in Agra ist, so zeugt es doch von der historischen Bedeutung dieser Stadt. Dann gibt es das Regierungsviertel in New Delhi mit den britischen Prachtbauten und seinen schnurgeraden, baumgesäumten Straßen. Errichtet um die Macht der Briten über den indischen Subkontinent zu demonstrieren, dient es nun schon viel länger den Indern als seinen Erbauern.
Modernes Herz dieser kosmopolitischen Stadt wiederum bildet der in Segmente zerteilte Connaught Place mit seinen internationalen Geschäften, sündhaft teuren Restaurants und noch teureren Bars.

Nur eins ist in allen Vierteln gleich - es ist heiß. Unerträglich heiß. Bei über 40 Grad lief uns der Schweiß in Bächen die Rücken hinab, und so entflohen wir heute Nachmittag der drückenden Hitze für ein paar Stunden in die verlockende, dunkle Kühle eines Kinosaals.

Natürlich sollte es ein indischer Film sein, und die Auswahl fiel auch nicht schwer - in allen Kinos lief dieselbe Produktion: 2 States. Zwar nur auf Hindu ohne englische Untertitel, doch das war kein Problem. Die Handlung lässt sich ohnehin auf einem Post-it umfassend beschreiben: ein junges Paar lernt sich an der Universität kennen und lieben, doch die kulturellen Unterschiede ihrer Familien (er aus Punjabi im Norden, sie aus Tamil Nadu im Süden) stehen ihrer gemeinsamen Zukunft im Weg. Mit Geschick und Glück überzeugen sie jedoch zuerst die eine, dann die andere Seite, dass sie zusammen gehören, und feiern am Ende eine rauschende Hochzeit.

Spannend für uns war jedoch, wie viel dieser Film über die indische Gesellschaft und ihre Gedankenwelt aussagt. Sei es der nordindische Patriarch, der Frau wie Sohn mit Ohrfeigen auf den richtigen Weg zu bringen versucht oder der Versuch der südindischen Eltern, die Heirat ihrer Tochter mit einem angemessenen Ehegatten zu arrangieren - die Unterschiede zu unseren kulturellen Vorstellungen wurden uns geradezu auf dem Silbertablett serviert. Damit es auch ja nicht langweilig wurde, garniert mit den typischen Bollywood-Tanzeinlagen zu jeder passenden (und unpassenden) Gelegenheit. Wer wissen möchte, wie Indien tickt, sollte sich diesen Film unbedingt ansehen!

Mittwoch, 30. April 2014

Ashram fuer Anfaenger

Namaste liebe Leser! Seit ein paar Tagen sind wir nun schon in einem Ort namens Rishikesh, ziemlich weit im Norden Indiens. Seitdem die Beatles hier vor einigen Jahrzehnten auf der Suche nach Inspiration ein paar Wochen verbracht haben, hat sich dieser Ort zur "Welthauptstadt des Yoga" entwickelt (zumindest behauptet er das von sich selbst). Ueberall ueber den Ort verteilt findet man sogenannte Ashrams, in denen man sich ganz den Lehren von Yoga, Ayurveda und Meditation widmen kann. Wir zaehlen uns zwar sonst nicht unbedingt zur spirituellen Sorte, aber das wollten wir dann doch mal ausprobieren :-) Vor vier Tagen sind wir also in den Anand Prakash Yoga Ashram gezogen.
Hier beginnen unsere Tage sehr frueh, bereits um fuenf Uhr morgens werden wir vom Glockenlaeuten geweckt. Nach einer kurzen Morgentoilette machen wir uns auf den Weg in die Yogahalle, wo wir bis zum Beginn unserer ersten Yogastunde meditieren duerfen. Die Stimme unseres Yogalehrers holt uns dann zurueck in die Gegenwart, und fuer zwei Stunden beschaeftigen wir uns mit den unterschiedlichsten Yogapositionen. Yoga ist hier in Indien allerdings schon ein bisschen anders als zu Hause in Deutschland: es wird sehr viel Wert auf die korrekte Atmung gelegt. Mal muessen wir dabei die Zunge herausstrecken, mal zwischen den Zaehnen hindurch die Luft einsaugen - ich wusste gar nicht, auf wie viele verschiedene Arten man atmen kann!
Nach zwei Stunden Yoga folgt dann die erste Mahlzeit des Tages, die fuer unsere westeuropaeischen Gaumen manchmal allerdings etwas gewoehnungsbeduerftig ausfaellt. Oder habt ihr schon mal Reis mit Erbsen oder gewuerzte Kichererbsen gefruehstuckt? :-) Anschliessen versammeln wir uns alle an der Feuerstelle fuer ein hinduistisches Ritual namens "Fire Puja" (in etwa "Feuergebet"), bei dem dem Feuer verschiedene Opfergaben (Wasser, Ghee, etc.) dargereicht werden. Auch wenn wir vielleicht nicht so ganz daran glauben, so ist es doch ein schoenes Ritual und ein schoener Start in den Tag. Der Vormittag steht uns anschliessend zur freien Verfuegung, wir verbringen ihn oft mit kleinen Erledigungen, weil es spaetestens um die Mittagszeit herum unfassbar heiss wird und man am liebsten nur noch drinnen sein moechte! Mittagessen gibt es um 12:30 Uhr, es besteht immer aus Chapati, Reis, einem Bohnen- oder Linsengericht und einem Gemuesecurry. Den Nachmittag verbringen wir meist in unserem Zimmer, weil es einfach der kuehlste Ort im ganzen Ashram ist! Puenktlich um 16 Uhr folgt dann die zweite Runde Yoga, diesmal mit einer anderen Lehrerin und einem anderen Schwerpunkt. Waehrend die morgendliche Yogastunde eher ruhig ablaeuft, folgen nachmittags deutlich anstrengendere Uebungen. Im Anschluss daran folgt das Abendessen, das meist aehnlich aufgebaut ist wie das Mittagessen.
Zweimal in der Woche folgt um 19 Uhr noch das sogenannte Kiirtan. Im Prinzip eine Art gemeinschaftliches rhythmisches Singen, begleitet von Trommeln. Das macht uns beiden erstaunlich viel Spass! Um neun Uhr abends beginnt dann die stille Zeit im Ashram: bis nach dem Fruehstueck am naechsten Morgen darf nicht mehr gesprochen werden. Das war am Anfang sehr ungewohnt, ist mittlerweile aber einfach Bestandteil des Tagesablaufs geworden. Ueberhaupt ist es ueberraschend, wie schnell man sich in diese aussergewoehnliche Umgebung eingewoehnen kann. Kein Fleisch, kein Alkohol, keine Schokolade, dafuer jeden Tag um fuenf Uhr aufstehen und vier Stunden Yoga - wer haette gedacht, dass das Spass machen kann? Und doch fuehlen wir uns hier so wohl, dass wir deutlich laenger bleiben werden als die drei Tage Mindestaufenthalt, die das Ashram vorgibt!

Dienstag, 29. April 2014

Agra - Stadt der Weltkulturerbestaetten

Guten Morgen liebe Leser, Agra ist in der ganzen Welt bekannt als Heimat des Taj Mahals, steinernes Symbol ewiger Liebe. Was ich bisher allerdings nicht wusste: neben dem Taj Mahal gibt es in dieser Stadt noch zwei weitere Weltkulturerbestaeten, naemlich Agra Fort und Fatehpur Sikri. Zeit genug haten wir, also entschieden wir, alle drei zu besichtigen. Agra Fort Am Tag unserer Ankunft in Agra, nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf, um uns von der Zugfahrt zu erholen, machten wir uns auf den Weg zu dem grossen roten Sandsteinfort, das wir schon vom Zug aus gesehen hatten. Im sechzehnten Jahrhundert erbaut, dient es noch heute dem indischen Militaer als Standpunkt, doch ein Teil der alten Gebaeude ist dennoch Touristen zugaenglich. Fuer wenig Geld liehen wir uns einen Audioguide, der uns ein wenig in die Geschichte des Gebaeudes einfuehren sollte. Die Details dazu will ich hier nicht genauer ausfuehren, wer sich dafuer interessiert, findet bestimmt alles auf Wikipedia :-)
Nur soviel: das Fort ist, wie es damals ueblich war, eine Ansamlung ineinander verschachtelter Gebaeude und Palaeste, die immer prunkvoller und schoener werden, je naeher man den frueheren Wohnraeumen der Mogulherrscher kommt. Schliesslich erreicht man die Terrasse, von der aus Grossmogul Shah Jahan in seinen letzten Lebensjahren als Gefangener das kostbare Grabmal, das er einer seiner Frauen erbauen liess, nur noch aus der Ferne bewundern durfte. Ihr habt es sicher schon erraten, es handelt sich um das beruehmte Taj Mahal, welches man von hier aus sehen kann.
Taj Mahal Am naechsten Tag standen wir besonders frueh auf, um das beruehmteste Gebaeude Indiens noch vor den grossen Touristenmassen besichtigen zu koennen. Jeder von euch hat wahrscheinlich schon hunderte Bilder des Taj Mahals gesehen. Wir natuerlich auch. Doch kein Bild,das ich bisher gesehen habe, wird der Schoenheit und Anmut dieses Gebaeudes auch nur annaehernd gerecht. Kein Bild faengt das Schimmern des Marmors in der Morgensonne so ein, wie wir es vor Ort erleben durften,kein Bild wird der allgegenwaertigen Symmetrie gerecht, die das Auge immer wieder von Neuem einfaengt. Wir beide wurden nicht muede, das Taj Mahal aus immer neuen Blickwinkeln zu betrachten, mal ganz nah heranzugehen, bis man die einzelnen Steine erkennt, und dann wieder zurueckzutreten, um es in seiner Gaenze erblicken zu koennen.
Als Symbol ewiger Liebe ueber den Tod hinaus ist dieses atemberaubende Gebaeude in der Welt bekannt geworden. Kein Zweifel, ein schoeneres, perfekteres Grabmal kann es nicht geben als dieses. Doch der groesste Beweis der Liebe Shah Jahans zu seiner Mumtaz Mahal ist das Einzige, was die Perfektion des Gebaeudes durchbricht: Der Sarkophag Shah Jahans, der ein wenig seitlich neben dem seiner Frau im Innersten des Grabmals eingefuegt wurde. In einem Gebaeude, welches von Kopf bis Fuss auf Symmetrie geeicht ist, wirkt er seltsam deplatziert. Doch kann es einen schoeneren Beweis fuer die Liebe der beiden geben als den, dass er dennoch hier gemeinsam mit ihr auf die Ewigkeit wartet?
Fatehpur Sikri An unserem dritten Tag in Agra folgte die dritte Weltkulturerbestaette. Fatehpur Sikri,im 16. Jahrhundert fuer wenige Jahre Hauptstadt des Mogulenreichs, liegt etwa 40 Kilometer ausserhalb der Stadt, ist jedoch mit dem Bus leicht zu erreichen. Der unschlagbare Vorteil der abseitigen Lage: es tummeln sich dort viel weniger Touristen als in Agra! Bei unserer Erkundung der alten Gebaeude, die zwar erstaunlich gut erhalten sind, ueber deren Funktion man aber dennoch nur sehr wenig weiss, konnten wir uns jedenfalls in aller Ruhe umschauen. Nur beim abschliessenden Besuch der dazugehoerigen Moschee verfolgten uns einige sehr aufdringliche Touristenschlepper. Dennoch koennen wir nur jedem raten, auch dieses Denkmal aus der Zeit der Mogule zu besichtigen, wenn es die Zeit zulaesst!

Samstag, 26. April 2014

Im Nachtzug nach Agra

Hallo noch einmal, das Reisen mit dem Zug ist, da gibt es wohl kaum einen Zweifel, die schoenste Art und Weise, wie man sich in Indien fortbewegen kann. Wer schon einmal in einem der blauen Personenzuege am Fenster gesessen hat, waehrend der Fahrtwind einem die Haare ins Gesicht weht und der Blick ueber die endlosen Weiten dieses Kontinents schweift, wird das bestaetigen koennen. Weniger romantisch-idyllisch ist es dagegen, Tickets fuer die besagten Zuege zu kaufen, denn die Nachfrage uebersteigt fast immer das Angebot. Zunaechst einmal werden die verfuegbaren Tickets in unterschiedliche Quoten aufgeteilt: general tickets (fuer jedermann), Tickets fuer Frauen, Tickets fuer Notfaelle (erst am Vortag zu erwerben), Tickets fuer auslaendische Touristen, und und und. Manche davon kann man nur am Schalter kaufen (Touritickets zum Beispiel), andere auch online. Onlinebuchungen sind grundsaetzlich eine tolle Sache, doch ist das System nicht besonders fortschrittlich. Nur in den Morgen- und Abendstunden ist es uns bislang ueberhaupt gelungen, uns einzuloggen, sonst bricht das System schon beim Login zusammen. Selbst wenn man sich dann erfolgreich durch die unzaehligen Reservierungsschritte gelickt hat und der Zug noch nicht ausverkauft sein sollte, stellt die Bezahlung der Tickets mit Kreditkarte eine nahezu unueberwindbare Huerde dar. Oft braucht es zahlreiche Versuche, bis die Zahlung akzeptiert wird. Besonders aergerlich: bei jedem Fehlversuch muss man komplett wieder von vorne anfangen mit der Eingabe aller Daten, und alle paar MInuten wird man auch noch wegen Zeitueberschreitung aus dem System geworfen und muss sich neu einloggen. Da kann man schon mal ausrasten! :-) Doch irgendwann ist es uns tatsaechlich geglueckt und wir hielten die Tickets fuer die dreizehnstuendige Fahrt von Varanasi nach Agra in unseren Haenden. Fuer die etwa 650 Kilometer braucht der Zug laut Fahrplan etwa 13 Stunden, Abfahrt war um 17:20 Uhr. Gerne haetten wir einen der teureren, klimatisierten Wagen gebucht, doch diese waren bereits ausverkauft gewesen, also fanden wir uns in der unklimatisierten Sleeper-Class wieder. Die Waggons sind in offene Abteile unterteilt, in denen sich jeweils sechs Betten befinden: drei an jeder Seite. Das mittlere kann heruntergeklappt werden, damit man tagsueber bequem sitzen kann. Gegenueber eines jeden Abteils befinden sich noch einmal zwei Betten. Besonders komfortabel sind die Liegen natuerlich nicht, und fuer Boernis Koerpergroesse auch deutlich zu kurz. Aber bei den unfassbar guenstigen Preisen (Varanasi - Agra fuer weniger als vier Euro pro Person) kann man wirklich nicht meckern! :-) Zufaelligerweise teilten wir uns auf der Fahrt nach Agra unser Abteil mit zwei Kanadiern, die ebenfalls auf Weltreise waren. Da gab es natuerlich viel zu erzaehlen und Erfahrungen auszutauschen. Spaeter kamen noch zwei Argentinier dazu. Auf den Betten gegenueber von unserem Abteil hatten es sich einige indische Soldaten gemuetlich gemacht. Die ersten Stundne verbrachten wir mit Gespraechen und lesen, spaeter klappten wir die Betten auf und legten uns hin. Vielleicht gehoert ihr ja zu den Gluecklichen, die immer und ueberall schlafen koennen. Dann haettet ihr in diesem Zug sicher eine wundervolle Nacht verbracht. Ich gehoere leider nicht dazu. Zunaechst einmal fand ich es ziemlich irritierend, beim Versuch zu schlafen kontinuierlich von den indischen Herren gegenueber angestarrt zu werden. Anders als wir Europaer denken sich die Leute hier naemlich nichts dabei, einen minutenlang anzustarren. Normalerweise ist das auch kein Problem fuer mich (ich starre dann einfach zurueck :-) ), aber beim Einschlafen hat es mich dann doch ganz schoen gestoert. Kaum war ich endlich weggedoest, wurde ich auch schon wieder geweckt. Eine indische Grossfamilie war zugestiegen und versuchte, ihr ueppiges Gepaeck zu verstauen. Aber nicht unter bzw. auf ihren eigenen Liegen, sondern zwischen unseren Fuessen auf unseren Liegen! Es war gar nicht so einfach, ihnen das auszureden :-) Danach war es mit dem Schlafen fuer mich erstmal vorbei, stattdessen hoerte ich ein bisschen Musik und liess meine Gedanken schweifen. Ungestoert geblieben waere mein Schlaf ohnehin nicht: Zusteigende Passagiere benutzten meine Fuesse gern mal als Haltegriffe auf dem Weg zu ihrem Platz, immer wieder entbrannten lautstarke Diskussionen um die Sitz- bzw. Schlafplaetze und einer der Soldaten gegenueber liess sich nicht davon abbringen, seine Fuesse auf meine Pritsche zu legen. Erst gegen zwei Uhr morgens wurde es ruhiger, und auch ich fand endlich ein bisschen Schlaf, bis der Wecker um halb sechs klingelte. Bis wir dann tatsaechlich Agra erreichten, dauerte es noch eine ganze Weile, vor allem auch deshalb, weil die Zuege hier in Indien haeufig stundenlang auf offener Strecke warten muessen, bis ein entgegenkommender Zug eine Engstelle passiert hat. Erst dann geht es weiter. All das macht das Zugfahren in Indien natuerlich ein wenig beschwerlich, aber auch so unglaublich interessant! Selten haben wir sonst die Gelegenheit, indische Familien so genau in ihrem Alltag zu beobachten, seien es diejenigen, die mit uns im Zug sitzen, oder diejenigen, deren Alltag sich vor den offenen Fenstern abspielt. Nur im Zug habe ich das Gefuehl, einen Eindruck von der Groesse und Vielfalt dieses wunderschoenen Landes zu bekommen.

Varanasi

Hallo liebe Leser, unser erstes Ziel auf dem indischen Subkontinent war, wie schon im letzten Post angedeutet, Varanasi, die wohl heiligste Stadt der Hindus. Unterkunft fanden wir in einem kleinen Guesthouse mitten im Gewirr der engen Gassen der Altstadt. Um ueberhaupt zum Eingang zu gelangen, mussten wir mitten durch einen kleinen Tempel hindurch, doch das schien - ausser uns - niemanden zu wundern. Waren wir am ersten Tag noch ueberzeugt, uns in dieser Stadt niemals zurechtzufinden, so entdeckten wir doch recht schnell, dass es vom Guesthouse nur wenige Meter waren bis zum Ganges, der als "Mutter Ganga" hier als Gottheit verehrt und dessen Ufer Schauplatz allerlei religioeser (und ebensovieler profaner) Handlungen ist. Jeden Tag um 19 Uhr findet hier zum Beispiel die "ganga aarti", die Anbetung des Ganges statt. Diese Zeremonie beinhaltet allerlei Glockengelaeut, Weihrauch und Feuer, und zieht Abend fuer Abend hunderte Pilger ans Ufer. Fuer uns als Aussenstehende war es mindestens genauso interessant, die Pilger zu beobachten wie die Zeremonie selbst: fuer eine kleine Spende konnte man Blumenketten fuer den Hausaltar oder ein Tilaka (das rote Segenszeichen auf der Stirn) erwerben.
Wenige hundert Meter weiter kann man Zeuge einer sehr viel ernsteren Facette des Hinduismus werden: wer in Varanasi stirbt und dann am Ufer des Ganges verbrannt wird, entflieht dem ewigen Zyklus aus Tod und Wiedergeburt, so glaubt man. Bis zu 200 Tote werden daher tagtaeglich am Manikarnika Ghat am Ufer des Ganges verbrannt - in aller Oeffentlichkeit. Es ist schon unheimlich genug, wenn man den Prozessionen mit den aufgebahrten Leichnamen innerhalb der Stadt begegnet, doch diese sehr oeffentliche Form der Feuerbestattung kam uns sehr fremd vor. Nicht zuletzt wohl auch deswegen, weil sich niemand daran stoerte, dass die heiligen Kuehe munter zwischen den brennenden Leichnamen herumspazierten und genuesslich die geopferten Blumenketten frassen.
Wer diese Welt noch nicht verlassen moechte, kommt nach Varanasi, um sich mit einem Bad im Ganges von allen Suenden reinzuwaschen. Suenden mag man in seinen Fluten verlieren, doch sauberer wird man bei einem Bad im Ganges wohl kaum. In der schmutziggrauen Bruehe baden neben Menschen auch Kuehe, stinkender Dreck sammelt sich an den Ufern, und zahlreiche Kohlestueckchen wecken den Verdacht, dass die Ueberreste der Feuerbestattungen ebenfalls in diesen Wassern landen. Wir haben dann doch lieber auf diesen zweifelhaften Genuss verzichtet.
Kurzum: Varanasi ist eine Stadt, in der die Religion so allgegenwaertig ist wie das ansonsten vielleicht nur noch in Rom oder Mekka der Fall sein wird. Wohin man auch blickt, ueberall erwarten einen Zeugnisse des Hinduismus, als Tourist ist man nur eine Minderheit unter den zahllosen religioesen Pilgern, die in diese Stadt kommen. Einen spannenderen Ort haetten wir uns als unseren ersten Stopp in Indien vermutlich nicht aussuchen koennen!

Sonntag, 20. April 2014

Indien

Guten Morgen liebe Leser,

bitte verzeiht mir, dass ich so lange nichts habe von mir hören lassen. Doch Indien hat mir einfach die Sprache verschlagen! Seit bald einer Woche halten wir uns in diesem einzigartigen Land auf, doch mir fehlen einfach die Worte, meine Eindrücke treffend zu beschreiben. Trotzdem will ich es heute versuchen. :-)

Wir sind gerade in Varanasi, der heiligsten Stadt Indiens. Wer hier stirbt, so glauben die Hindus, wird vom ewigen Zyklus von Tod und Wiedergeburt erlöst. Ein ganz besonderer Ort also, selbst für indische Verhältnisse.

Unsere Ankunft hier erfolgte nach einer scheinbar endlosen Reise mit Bus, Jeep und Zug und einer schlaflosen Nacht in Gorakhpur, in einem Zimmer voller Kakerlaken. Umso schwerer viel es uns, die Eindrücke zu verarbeiten, die auf diesem Ort auf uns einprasselten. Die Altstadt von Varanasi ist ein Gewirr schmaler Gassen, durch die sich Pilger, Einheimische, Touristen und Tiere gleichermaßen drängen. Nicht nur die heiligen Kühe sind allgegenwärtig, auch Ziegen und Hunde bevölkern die Wege. Es gilt, Vorsicht walten zu lassen bei der Wahl der nächsten Schritte, die Hinterlassenschaften der tierischen Bewohner sind eine allgegenwärtige Gefahr für die Sauberkeit unserer Schuhe. Auch Mülleimer sucht man vergeblich, was man nicht mehr braucht, wirft man einfach auf den Boden. Die Fliegen freuen sich. Falls die Männer, die mit Schaufel und Karren nachts die Straßen säubern, jemals streiken sollten, versinkt diese Stadt binnen Tagen im Dreck!

Interessanter noch als der Anblick der Gassen ist jedoch die Geruchswelt, die uns unmittelbar nach unserer Ankunft umfängt. Noch nie habe ich so viele verschiedene Gerüche auf so engem Raum erlebt wie hier. Riecht es an einer Straßenecke noch so köstlich nach würzigem Masalatee, keine zehn Meter weiter wird dieser Duft vom strengen Geruch der Kuhfladen abgelöst. Hinter der nächsten Ecke duften die Blumen, die einen kleinen Tempel zieren. Nie weiß die Nase, worauf sie sich einstellen soll.

Und dieser Lärm! "Der Inder hat keine Ohren", hatte uns ein Bekannter in Nepal gewarnt. Muhende Kühe unterm Fenster, laute Bollywood-Musik um Mitternacht, dazu die unzähligen Schlepper, die uns zu Bootstouren, Hosenkäufen, Drogenexperimenten und was weiß ich noch allem überreden wollen.

Kurzum: Indien ist ein Land, dass uns vollkommen fordert, manchmal sogar überfordert. Doch wenn man sich erst einmal an den unglaublichen Trubel gewöhnt hat, beginnt man auch, die Schönheit dieses Landes zu sehen: die leuchtend bunten Saris und Punjabis der indischen Frauen, die fröhlich grüßenden Kinder, die Spiritualität, die hier im Alltag einen ganz anderen Stellenwert einnimmt als bei uns. Man sagt, Indien könne man nur lieben oder hassen. Ich glaube, ich bin verliebt.

Dienstag, 15. April 2014

Chitwan National Park - das andere Nepal

Hallo noch einmal,

Nach fünf Tagen in Kathmandu, die wir hauptsächlich damit verbracht haben, unsere nächsten Reiseabschnitte zu planen und es uns in den zahllosen Restaurants gutgehen zu lassen, sind wir am Samstag in das Terai gefahren, bekannt als "das andere Nepal". Statt karger Berge beherrscht hier tiefgrüner Dschungel die Landschaft. Es ist tropisch heiß und unfassbar feucht.

Wir buchten eine ganztägige Jeep Safari, die uns tief hinein in diesen nepalesischen Dschungel bringen sollte. Schon um Viertel nach sechs machten wir uns auf den Weg. Der Park ist durch einen Fluss von Sauraha getrennt, dem Dorf, in dem wir die Nacht verbracht hatten. Am Vorabend hatten wir hier schon die ersten Krokodile gesehen, so früh am Morgen ließ sich zum Glück noch keines blicken. Dennoch war es ein unheimliches Gefühl, in einem flachen Kanu zur anderen Seite überzusetzen.

Noch lag über dem Wald ein dichtes Nebelfeld, das dem Morgen eine surreale Note gab. Ein kühler Wind strich uns über die Haut, die Sonne stand als glutroter Ball knapp über dem Horizont. Das einzige Geräusch, das wir hörten, war das unablässige Knattern des Jeeps. Gespannt warteten wir darauf, die ersten Bewohner des Parks zu sehen. Doch bis auf ein paar Rehe, für den Europäer nicht gerade die außergewöhnlichsten Tiere, gab es nichts zu sehen. Erst als ein paar Herren kurz austreten waren, wie man so schön sagt, sah ich plötzlich zwei Nashörner auf uns zu kommen! Erstaunlich, wie schnell die Herren wieder zurück auf dem Jeep waren :-) Nach dieser ersten Begegnung sahen wir die imposanten Tiere immer wieder. Auch ein Bison konnten wir entdecken.

Die Sonne stieg höher und löste den Nebel auf, der uns so lange eingehüllt hatte. Es wurde drückend heiß. Der Fahrtwind kühlte zwar unsere Gesichter, doch die Nacken waren den Strahlen erbarmungslos ausgesetzt. Es wurde Zeit für eine Mittagspause. Unser Guide hatte dafür einen außergewöhnlichen Ort ausgesucht: die Tiger Temple Lodge muss einst ein imposantes Hotel gewesen sein, mitten in dieser undurchdringlichen Wildnis, doch seit vor sieben Jahren eine Gesetzesänderung alle Übernachtungen innerhalb des Parks unterband, ist sie dem Verfall ausgesetzt. Die Spuren der Zeit waren deutlich sichtbar: verfallene Dächer, tellergroße Löcher in den Fliegengittern, gebrochene Planken auf der Aussichtsplattform über dem Fluss. Doch zugleich wirkte es, als seien die Besitzer nur mal kurz weg: Teller und Tassen standen noch in ordentlichen Reihen im Regal, Vorhänge wehten an den Fenstern und die Toilette war in erstaunlich gutem Zustand. Ein seltsam faszinierender Ort mitten in der Wildnis.

Als die Hitze wieder nachließ, machten wir uns auf den Rückweg. Wieder sahen wir einige Nashörner, doch der große Star, der bengalische Tiger, ließ sich nicht blicken. Nur seine handgroßen Pfotenabdrücke entdeckten wir im Staub. Kurz bevor wir wieder an unserem Ausgangspunkt ankamen, entdeckten wir aber immerhin noch einen der seltensten Parkbewohner überhaupt: eine armdicke Königskobra wand sich hastig durch das Unterholz, als wir ihr mit dem Jeep zu Nahe kamen.

Erst als die Sonne schon tief am Himmel stand, erreichten wir wieder Sauraha. Dort liefen schon die Vorbereitungen für einen Feiertag, der uns auf dieser Reise immer wieder begegnet: Silvester! In Nepal beginnt das neue Jahr nämlich am 15. April, und es ist auch nicht das Jahr 2014, sondern das Jahr 2071, das nun an die Tür klopfte. Doch anders als der Rest der Welt begegnen die Nepalesen dem neuen Jahr mit geradezu buddhistischem Gleichmut: keine großen Feiern, kein Feuerwerk, nur ein Essen mit der Familie oder Freunden würdigt den Übergang von einem Jahr ins andere. Wir waren ohnehin müde von einem sehr sehr langen Tag, und so begegneten wir dem neuen Jahr auf die wohl gleichmütigste Art und Weise überhaupt: friedlich schlafend in unserem Bett! :-)

Pokhara - oder: warum man in Nepal nicht koreanisch essen gehen sollte

Guten Abend,

Als wir nach unserem Trek schließlich in Pokhara ankamen, waren wir ziemlich erledigt und sehnten uns nach einem gemütlichen, sauberen Zimmer und einer ordentlichen Mahlzeit.

Welch ein Glück, dass gleich das erste Guest House ein Volltreffer war! Das "Little Tibetan Guesthouse" liegt mitten in Lakeside, dem Touristenviertel von Pokhara, doch ein wunderschöner, duftender Garten trennt es vom hektischen Straßenlärm. Unser Zimmer war groß, hell und luftig und hatte sogar einen Balkon. Hier konnten wir Erholung von den Strapazen der letzten Tage finden.

Der nächste Tag war für uns ein besonderer: wir wollten feiern, dass wir nun schon neun Jahre gemeinsam durchs Leben gehen, und sind deswegen in ein koreanisches Restaurant gegangen, als Abwechslung von der leckeren, aber nicht sehr abwechslungsreichen Küche auf dem Annapurna Circuit. Lecker war das Essen hier durchaus ebenfalls, doch schon am Abend begann Börni sich unwohl zu fühlen. Vor allem beim Gedanken an Kimchi, das koreanische Sauerkraut, wurde ihm jedes Mal übel. Auch am nächsten Tag war keine Besserung in Sicht, den ganzen Tag blieb er im Bett. Als er sich am darauf folgenden Morgen immer noch vor Schmerzen krümmte, schlug ich vor, dass wir doch besser einen Arzt aufsuchen sollten.

Der Fahrer unseres Guesthouses erbot sich, uns für ein kleines Entgelt zu einem vernünftigen Krankenhaus zu bringen ("normale" Arztpraxen gibt es in Nepal wohl nicht). Das Krankenhaus war schon ganz schön in die Jahre gekommen und die Notaufnahme, ein Saal mit etwa zehn klapprigen Metallbetten, sah auch nicht sehr einladend aus. Doch der Fahrer lotste uns, nach einem kurzen Stopp an der Rezeption, in den ersten Stock, wo wir auf den Allgemeinmediziner warteten, dessen Sprechstunde in Kürze beginnen sollte. Die Schlange vor dem Sprechzimmer war nicht allzu lang, der Fahrer, der sich wirklich sehr fürsorglich um uns kümmerte, fand heraus, dass nur vier Patienten vor uns drankommen würden.

Für unser westliches Verständnis von Intimsphäre und Datenschutz ziemlich ungewöhnlich war, dass wir bereits ins Sprechzimmer geschickt wurden, als der vorherige Patient noch drinnen war. So konnten wir dem Arzt schon einmal ein wenig bei der Arbeit zusehen, bevor Börni selbst an die Reihe kam :-) Auch das Patientengespräch war amüsant - von der nüchtern-distanzierten Herangehensweise unserer europäischen Ärzte keine Spur. Stattdessen gab es viele Witzchen über ausländische Patienten und die aus nepalesischer Sicht erstaunliche Körpergröße europäischer Männer, die Börni in seinem Zustand aber nicht so richtig zu schätzen wusste. Schließlich stellte ihm der Arzt ein umfangreiches Rezept für allerlei Medikamente aus und schickte uns mit dem wohlmeinenden Rat nach Hause, doch bitte nur in guten Restaurants zu essen (als ob draußen angeschrieben stünde, wo man besser nicht einkehrt ;-) ).

Zum Glück taten die Medikamente recht schnell ihre Wirkung und Börni fühlte sich endlich besser. Dennoch blieben wir noch zwei Tage in Pokhara, bis er sich wieder fit genug fühlte für die lange Busfahrt zurück nach Kathmandu!

Samstag, 12. April 2014

Rund um das Annapurna-Massiv, Teil 6

Guten Abend liebe Leser,

Heute folgt der sechste - und letzte - Teil meines Berichts über unsere Annapurna-Umrundung. Bis Kokthetanti hatten wir es bei meinem letzten Eintrag schon geschafft.

Der nächste Morgen begrüßte uns, wie eigentlich immer im Himmalaya, mit schönstem Sonnenschein. Nachmittags konnte das Wetter noch so sehr einem Weltuntergang gleichen, wenn die Sonne aufging war davon nichts mehr zu bemerken.

Auch der Weg war an diesem Vormittag besonders schön. Hinter Kalopani führte er durch einen lichten Nadelwald, die Sonnenstrahlen zeichneten Muster auf den nadelbedeckten Boden. Auf einer Lichtung stießen wir plötzlich auf alte Bekannte, die wir seit den Anfangstagen unseres Treks nur noch oben am Himmel hatten kreisen sehen. Zwei Himalayan Griffons saßen auf einer Steinmauer, die Hälse nach Futter suchend gereckt. Erst jetzt wurde uns bewusst, wie groß diese Vögel wirklich sind! Vor uns kleinen Menschlein ließen sie sich kein bisschen beeindrucken, obwohl wir wirklich nur wenige Meter entfernt waren. Minutenlang standen wir da und beobachteten sie bei der Futtersuche.

Am Nachmittag sollte uns der Weg auf die andere Seite des Flusses führen, der mittlerweile wieder durch ein schmales, tiefes Tal rauschte. Doch welcher Weg war der richtige? Unten im Tal sahen wir, der Beschreibung aus unserem Guidebook entsprechend, eine Hängebrücke, doch die Markierung schien in eine andere Richtung zu weisen. Nach langem Hin und Her entschieden wir uns, zu der Hängebrücke hinabzusteigen. Was von oben nicht zu sehen war: wenige Hundert Meter weiter führte eine zweite Hängebrücke ebenfalls über den Fluss. Im Gegensatz zu der, vor der wir gerade standen, war diese nagelneu und komplett aus Stahl gebaut. Das Konstrukt, vor dem wir uns befanden, war dagegen schon etwas in die Jahre gekommen, schien aber immerhin von den Dorfbewohnern einigermaßen in Stand gehalten zu werden. Um über die neue Brücke gehen zu können, hätten wir allerdings erst einmal den Hügel wieder hinauf gemusst, den wir gerade heruntergestiegen waren. Also entschied ich mich, es mit der älteren Brücke zu versuchen. Schritt für Schritt suchte ich mir einen Weg über die alten Holzplanken. Die schlimmsten Stellen waren tatsächlich mit neuen Brettern abgedeckt worden, und so erreichte ich sicher das andere Ufer. Börni wagte sich auch an die Überquerung, und wenige Minuten später konnten wir unseren Weg fortsetzen.
Lange führte dieser einen steilen Abhang entlang, bevor schließlich, wieder einmal, ein scheinbar endloser Abstieg folgte. Ziemlich geschafft erreichten wir schließlich unser Tagesziel Dana.

Am nächsten Morgen legten wir zunächst das relativ kurze Wegstück nach Tatopani zurück. Der Ort ist bei den Annapurna-Trekkern bekannt für seine heißen Quellen, auf die wir uns auch schon freuten. Besonders einladend waren die Becken zwar nicht (schlichter Beton mit allerlei Rohren verziert), doch im warmen Wasser zu sitzen war herrlich. Nur eines trübte unsere Freude: der Zeh, der bereits nach der Passüberquerung angeschlagen gewesen war, war mittlerweile so sehr angeschwollen, dass ich kaum noch in meine Wanderschuhe passte. Zwar fehlten nur noch 27 Kilometer bis zu unserem eigentlichen Ziel, Nayapul, doch diese führten über den sogenannten Poon Hill, 2000 Höhenmeter hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Während wir noch überlegten, nahm uns der Zeh gewissermaßen die Entscheidung ab: man konnte beinahe zusehen, wie er immer weiter anschwoll und sich am Nagelbett eine fiese Blase bildete. Zu groß war das Risiko, irgendwann gar nicht mehr weitergehen zu können und auf dem Poon Hill festzusitzen. Schweren Herzens beendeten wir also unsere Wanderung mit einem ausgiebigen Mittagessen und stiegen dann wehmütig in einen Bus, der uns nach Beni bringen sollte.

Eine Entscheidung mit interessanten Folgen. Die "Straßen" in diesen entfernten Gebieten des Himmalayas sind nichts weiter als mühsam in den Fels gehauene Trassen, mit Schlaglöchern übersät und mit Felsbrocken dekoriert. Ich bewundere wirklich den Mut der Busfahrer, die sich mit ihren zwanzig Jahre alten Klapperkisten trauen, hier entlangzufahren! Während der gesamten Fahrt mussten wir uns am Vordersitz festkrallen, weil es uns immer wieder von den Sitzen hob und hin und her warf. Kam uns ein Auto oder gar ein LKW entgegen, musste unser Fahrer oft sogar rückwärts wieder den Hang hinauf bis zu einer der wenigen Stellen, an denen überhaupt zwei Fahrzeuge aneinander vorbeipassen. Doch mit einer Engelsgeduld und einer sicheren Hand schaffte unser Busfahrer die knapp dreißig Kilometer in zwei Stunden. Dennoch fuhren wir den Rest der Strecke nach Pokhara lieber mit dem Jeep! ;-)

Damit war unser Annapurna-Trek nach 15 Tagen und 185 Kilometern zu Ende. Ich kann nur wiederholen, was ich bereits in meiner kleinen Statistik geschrieben habe: wir würden es sofort wieder machen!

Freitag, 11. April 2014

Rund um das Annapurna-Massiv, Teil 5

Guten Morgen liebe Leser,

Der Tag nach unserer abenteuerlichen Passüberquerung hielt eine unangenehme Überraschung für uns bereit: den schlimmsten Muskelkater unseres Lebens ;-) Vor allem beim Treppensteigen streikte unsere Waden- und Oberschenkelmuskulatur. Außerdem hatte mein rechter großer Zeh die 1600 Höhenmeter bergab etwas übelgenommen und war von der ständigen Reibung angeschwollen und empfindlich.

Nachdem wir es zum Glück ja aber nicht besonders eilig hatten mit unserem Trek (im Gegensatz zu vielen anderen, die nur zwei Wochen oder noch weniger eingeplant hatten), gönnten wir uns einfach einen Tag Auszeit in der hübschen  Kleinstadt Muktinath.

Muktinath ist nicht nur bei Trekkern aus aller Welt bekannt, die dortigen Tempel gehören für Hindus und Buddhisten zu den größten Heiligtümern überhaupt. Wie es der Zufall so wollte, fiel unsere Auszeit ausgerechnet auf einen hinduistischen Feiertag (leider konnte ich nicht herausfinden, welchen). Plötzlich bevölkerten nicht mehr nur Trekker die Stadt, sondern Hunderte, nein Tausende Pilger aus Nepal und Indien.

Der Tempel selbst gehört wohl zu den merkwürdigsten religiösen Einrichtungen, die wir je besucht haben. Mittelpunkt des Geschehens ist ein Sammelsurium aus Wasserbecken, umrahmt von 108 Wasserspeiern. Sich hier zu waschen, hat wohl dem hinduistischen Glauben nach eine reinigende Wirkung im religiösen  Sinne, weshalb die Pilger an diesem Tag zu Hunderten ins Wasser sprangen. Für die buddhistischen Pilger spielt dagegen eine von Erdgas gespeiste Flamme in einem kleinen Tempelgebäude die Hauptrolle, welches wir jedoch nicht betreten durften. Doch es war spannend genug, die endlosen Schlangen zu beobachten, die in den Tempel drängten, um ihre Opfer darzubieten! Wirklich ein einzigartiger Ort, dieses Muktinath.

Am nächsten Tag fühlten wir uns dann ausgeruht genug, uns an den langen Abstieg zu machen, der noch vor uns lag (Muktinath liegt immerhin noch auf 3800 Metern!). Am Anfang wehrte sich die Beinmuskulatur zwar noch ein wenig gegen die Bewegung, aber nach und nach fanden wir wieder zurück in unseren gewohnten Wanderrhythmus. Gerade der Vormittag dieses Tages belohnte uns mit wunderschönen, wenn auch kargen Anblicken der nepalesischen Bergwelt. Vor Allem der steile Abstieg vor Eklebhatti, der in das Flusstal des Kali Gandaki hinabführt, war atemberaubend!

Ganz anders der Nachmittag. Der Weg führte nun quer durch das vollkommen flache und sehr breite Bett des Flusses. Eine Wüste aus Geröll und Staub, ein bisschen so, wie man sich die Mondoberfläche vorstellt! Anders als auf dem Mond wehte hier allerdings nachmittags ein kräftiger Wind, der den Staub aufwirbelte und uns ins Gesicht blies. Die Augen tränten, die Zähne knirschten, wirklich kein angenehmes Gefühl! Hinzu kam, dass ich mir, im Bemühen meinen Zeh zu schonen, eine fiese Blase gelaufen hatte und jeder Schritt schmerzte. Scheinbar endlos zog sich der Weg, bis wir endlich Jomsom erreichten und in einem Gasthaus Schutz vor dem beißenden Wind fanden.

Am nächsten Morgen hatte sich der Wind gelegt und wir konnten weitergehen. Nachdem wir nun endlich den Regenschatten der Achttausender verließen, wurde die Umgebung endlich (!) wieder grüner. Nach Tagen in der Einsamkeit des Hochgebirges freuten wir uns über den Anblick von Bäumen, Sträuchern und sogar Gras, die nun die Landschaft dominierten. Wir gelangten zu einem Ort namens Marpha, gewissermaßen die Bodenseeregion Nepals, eine Hochburg des Apfelanbaus. Bekannteste Spezialität: Apfelbrandy. Natürlich kauften wir ein Fläschchen für den Feierabend ;-)

Doch auch an diesem Tag meinte es das Wetter nicht so wirklich gut mit uns. Gegen Mittag zogen immer dunklere Wolken auf, und schon bald fing es an zu nieseln. Nachdem wir bislang so viel Glück mit dem Wetter gehabt hatten, mussten wir nun doch einmal unsere Regenjacken auspacken. Die Laune war ziemlich auf dem Tiefpunkt, bis wir auf die Idee kamen, uns mit ein bisschen Gesang aufzuheitern. Lauthals sangen wir alles, was uns in den Sinn kam: von "Ein Bett im Kornfeld" über Beatles-Klassiker und "Alles aus Liebe" bis hin zu "Ein Loch ist im Eimer". Ich will gar nicht wissen, was die Nepalesen an diesem Tag über uns gedacht haben ;-)

Abends in unserer Lodge im winzigen Kokthetanti war es dann auch dem Wetter entsprechend kalt. Da kam uns der Apfelbrandy gerade recht - ein ordentlicher Schluck aus der Flasche und schon breitet sich ein kleines Feuer im Magen aus, das besser wärmt als alle Paar Socken übereinander :-) Ich bin ja sonst wirklich kein Fan von Schnaps, aber hier kam er mir wirklich gerade recht. Auf diese Weise angeheitert, gingen wir schon um sieben Uhr ins Bett und schliefen friedlich bis zum nächsten Morgen!

To be continued :-)

Donnerstag, 10. April 2014

Rund um das Annapurna-Massiv, Teil 4

Hallo noch einmal, nach sechs anstrengenden Tagen, in denen wir fast neunzig Kilometer und zweitausend Hoehenmeter zurueckgelegt hatten, stand in Manang ein sogenannter "Hoehenakklimatisationstag" an. Also zur Abwechslung einmal nicht stundenlang wandern, sondern nur kurze Spaziergaenge rund um Manang und ansonsten: ganz viel entspannen!
Wir haben es uns gutgehen lassen: mit echtem Kaffee zum Fruehstueck (dem ersten seit einer Woche!), Yak-Steak zum Mittagessen und Kuchen am Nachmittag :-) Nach so viel Futtern haben wir dann doch noch einen kleinen Ausflug gemacht zu der Gompa, die hoch ueber Manang an einem Hang thront. Kalt war es an diesem Tag, und waehrend wir den Berg hinaufstiegen, zogen finstere Wolken ins Tal. Dennoch war der Blick von der Gompa ueber Manang einfach atemberaubend. Wir wollten uns gerade an den Abstieg machen, als sich tatsaechlich eine Schneeflocke auf meine Nasenspitze verirrte. Schnee! Nach zehn Monaten Sommerhitze einfach unglaublich :-) Das Schneetreiben verdichtete sich noch und beim Abendessen am Kamin konnten wir die weisse Pracht draussen in dicken Flocken vom Himmel fallen sehen.
Am naechsten Morgen hatte es zum Glueck dann aber doch wieder aufgehoert und wir konnten unsere Wanderung ungehindert fortsetzen. Nachdem wir nun schon die Grenze von 3500 Hoehenmetern ueberschritten hatten, nahm das Thema "Hoehenkrankheit" auch einen immer groesseren Raum in unseren Gedanken ein. Natuerlich hatten wir alle Tipps befolgt, die man hier so bekommt: - ganz viel Knoblauch essen (die Einheimischen schwoeren darauf, deswegen gibt es ueberall Knoblauchsuppe zu essen) - viel trinken (vier bis fuenf Liter am Tag!) - kein Alkohol (na gut, fast, ab und zu ein Schuss Rum im Tee um sich aufzuwaermen... :-) ) - langsam aufsteigen (im Idealfall nicht mehr als 500 Hoehenmeter pro Tag, auf unserer Route kommt man im Schnitt auf etwa 600 Meter) Dennoch merkten wir natuerlich, dass die Luft duenner wurde. Der Aufstieg nach Ghunsang gleich hinter Manang dauerte einfach laenger als die bisherigen. Trotzdem kamen wir an diesem Tag sehr gut voran, der Himmel war strahlendblau und die Aussicht einfach fantastisch!
Danach ging es eher flach weiter bis zu einem kleinen Dorf namens Letdar, das eigentlich nur aus vier Gasthaeusern besteht. Da wir hier bereits 650 Hoehenmeter erreicht hatten, hiess es: Schluss fuer heute! Positiv ueberrascht hat uns zunaechst die Tatsache, dass wir hier zum ersten Mal auf dem Trek ein Zimmer mit Doppelbett angeboten bekamen. Erfreut begannen wir, unsere Habseligkeiten auszupacken, als uns auffiel, dass unser Zimmer nur durch eine duenne Holzwand von der daneben liegenden Gemeinschaftstoilette getrennt war. Wir konnten den anderen Gaesten tatsaechlich beim Pinkeln zuhoeren! Da haben wir es dann doch vorgezogen, in ein anderes Zimmer umzuziehen, das weiter von der Toilette entfernt war, auch wenn wir dafuer auf das Doppelbett verzichten mussten. Am naechsten Morgen bestaetigte uns eine andere Trekkerin, dass das eine gute Entscheidung gewesen war :-) Ueberhaupt trafen wir hier viele Trekker wieder, die wir bereits in Manang (oder auch schon frueher) kennengelernt hatten. So weit oben gibt es eben nur noch wenige Gasthaeuser, in denen sich alles konzentriert. War aber auch schoen, zur Abwechslung einmal etwas mehr Gesellschaft zu haben, nachdem wir in den ersten Tagen unseres Treks mehr oder weniger allein unterwegs gewesen waren. Die Nacht in Letdar war fuer mich die unangenehmste auf dem ganzen Trek. Tagsueber hatten wir noch relativ wenig von der Hoehe bemerkt, doch wie schon vor Jahren in Bolivien stoerte sie nun unseren Schlaf. Sobald man etwas tiefer wegschlummerte, ging uns sprichwoertlich die Puste aus, und mit einem Japsen fuhren wieder hoch, nach Sauerstoff ringend. Eine bekannte "Nebenwirkung" der Hoehe, noch nicht weiter gefaehrlich, aber doch ganz schoen unangenehm. Erst in den fruehen Morgenstunden fand ich ein bisschen Erholung. Dementsprechend muede war ich am naechsten Morgen. Geplant war, zumindest bis zum naechsten Ort, Thorung Pedi (4500m), weiterzugehen, von wo aus man den Pass theoretisch an nur einem Tag ueberqueren kann. Lieber wollten wir aber zum Highcamp (4800m), von wo aus die Ueberquerung schon anstrengend genug sein wuerde. Aber wir wollten erst einmal sehen, wie wir mit der Hoehe zurechtkamen, bevor wir eine Entscheidung trafen. Der Weg nach Thorung Pedi war eigentlich nicht besonders anspruchsvoll, doch die Hoehe liess ihn sich endlos in die Laenge ziehen. Mittlerweile waren wir so hoch, dass es fast keinerlei Pflanzen mehr gab, nur noch endlose Haenge aus Stein und Geroell und, natuerlich, Eis und Schnee auf den Gipfeln. Der Weg ueberquert vor Thorung Pedi einen Hang, auf dem sich in der Vergangenheit immer wieder Erdrutsche geloest haben - ein unheimliches Gefuehl, dort hinueberzugehen! Doch wir schafften es sicher auf die andere Seite.
Bereits um zehn Uhr waren wir schon an unserem ersten Ziel angekommen. Die naechsten zwei Stunden verbrachten wir damit, uns zu ueberlegen, ob wir denn nun weitergehen sollten oder nicht. Unser Respekt vor der Hoehe war betraechtlich; auf der anderen Seite stand die Aussicht, am naechsten Morgen 900 Hoehenmeter (statt "nur" 600) aufsteigen zu muessen, um den Pass ueberqueren zu koennen. Wir machten uns die Entscheidung nicht leicht, aber am Ende wagten wir den Weg hinauf zum High Camp. Dieser fuehrte im Zickzack einen steilen Hang hinauf, mit zunehmender Hoehe wurde er immer eisiger und schwieriger zu begehen. Wir fragten uns wirklich, wann wir endlich ans Ziel gelangen wuerden! Dann schliesslich, nach einer letzten eisigen Kurve, sahen wir die schneebedeckten Daecher vor uns. Wir hatten es geschafft! Im Nachhinein waren wir sehr froh, diesen Aufstieg noch an diesem Tag hinter uns gebracht zu haben.
Es folgte die letzte Nacht in der Hoehe. Den Nachmittag und Abend verbrachten wir mit Joey und Kitty und ihren Guides, die wir schon in Manang kennengelernt hatten, mit Kartenspielen und Teetrinken. Obwohl es dort oben weit unter null Grad hatte, gab es kein Feuer, zu kostbar ist dort das Feuerholz. Stattdessen huepften wir durch den Aufenthaltsraum, um unsere eisigen Zehen aufzuwaermen. :-) Nach dem Abendessen um 18:30 Uhr gingen wir direkt ins Bett, zwei Trinkflaschen mit heissem Wasser als Waermflaschen mit dabei. Zwei Schlafsaecke und vier Decken brauchten wir, um nicht zu frieren! Besonders gut geschlafen haben wir in dieser Nacht natuerlich trotzdem nicht, zu gross war die Aufregung vor der Passueberquerung. So war es fast eine Erleichterung, als um 3:55 Uhr morgens unser Wecker klingelte. Fruehstueck gab es um halb fuenf, Hunger hatten wir um diese Zeit zwar eigentlich nicht, aber dennoch zwangen wir ein tibetisches Brot mit Omelette hinunter. Wir hatten am Vorabend beschlossen, den Aufstieg zum Pass mit Joey und Kitty und ihren Guides gemeinsam zu wagen. Zu gefaehrlich ist es, in Hoehen ueber 5000m allein herumzuspazieren! Als wir uns um kurz nach fuenf Uhr morgens schliesslich auf den Weg machten, war es noch dunkel draussen. Mit Stirnlampen "bewaffnet" folgten wir den Guides auf dem ihnen vertrauten Pfad den Berg hinauf. Allein haetten wir uns niemals getraut, hier im Dunkeln herumzulaufen!
So langsam wie an diesem Tag sind wir noch nie einen Berg hinaufgelaufen. Der Weg an sich war, vom Eis und der Dunkelheit einmal abgesehen, gar nicht besonders schwer: in sanften Bahnen fuehrte er weiter bergauf. Doch wenn die Luft so duenn ist, dass man alle paar Schritte eine Pause braucht, wird der Aufstieg zum Kampf mit einem selbst. Mir jedenfalls ging es so. Bei jedem Schritt dachte ich an den Pass, der irgenwo dort oben auf uns wartete, daran, wie viel wir schon geschafft hatten und dass es nicht mehr weit war bis zum absoluten Hoehepunkt unserer Trekkingtour. Es tat gut, in einer Gruppe zu sein, zu sehen, dass die anderen ebenso sehr kaempften wie man selbst. Eine lebensfeindlichere Umgebung als dort oben kann man sich kaum vorstellen: die Luft war so kalt, dass selbst der heisse Tee, denn wir mitgenommen hatten, binnen drei Stunden zu gefrieren begann, meine Zehen schmerzten vor Kaelte und wir atmeten nur noch durch unsere Schals, um die eisige Luft ein bisschen aufzuwaermen. Als wir uns dem Pass endlich naeherten, pfiff uns der Wind so stark um die Ohren, dass wir uns manchmal alle aneinander festgehalten haben. Schliesslich versprachen uns die Guides, dass es nur noch zehn Minuten dauern werde bis zum Pass. Ein letzter Huegel, eine letzte Kurve, und dann: tatsaechlich! Dort oben wehten die zahllosen Gebetsfahnen, die den hoechsten Punkt des Weges kennzeichnen! Trotz knapper Luft brachen wir alle in abgehackte Jubelschreie aus, die uns auf den letzten Metern begleiteten. Wir hatten es geschafft! "Congratulations to the success" steht auf der Tafel, die dort oben angebracht ist, und wirklich - wir konnten so stolz auf uns sein!
Noch atemberaubender als der Blick auf den Pass selbst ist allerdings der Blick ueber den Thorung-La hinueber auf die andere Seite: ein endloses Tal, auf allen Seiten begrenzt von den hoechsten Bergen der Welt, tat sich vor uns auf. Selten hat mich etwas auf unserer Reise so beeindruckt wie dieser unerwartete Blick in die Endlosigkeit des Himmalaya.
Absurderweise gibt es dort oben am Pass ein winziges Teehaus, in das wir nun einkehrten, um uns mit einer Tasse Tee aufzuwaermen. Meine Zehen waren mittlerweile so kalt, dass ich sie an die heisse Tasse hielt, bis das Gefuehl langsam wieder zurueckkehrte. Allzu lange konnten wir dort oben aber nicht bleiben, die Guides draengten zur Eile, und das war auch gut so: ein endloser Abstieg wartete auf uns! Muktinath, der erste nennenswerte Ort auf der anderen Seite, liegt 1600 Hoehenmeter unter dem Pass. Der Abstieg erwies sich denn auch fast als noch schwieriger als der Aufstieg zuvor. Der Weg war komplett von Schnee bedeckt, oft auch von Eis, so dass man jeden Schritt sorgfaeltig setzen musste, um keinen Abhang hinunterzurutschen. Schritt fuer Schritt suchten wir uns unseren Weg. Es dauerte Stunden, bis wir flacheres Terrain erreichten. Die letzten Kilometer nach Muktinath, als es endlich flacher und einfacher wurde, gingen wir nur noch im Schneckentempo, so erschoepft waren wir von der Passueberquerung. Endlich erreichten wir unser Guesthouse, wo wir erst einmal ein paar Stunden nichts weiter taten, als im Bett zu liegen und zu doesen! Am Abend aber feierten wir unseren Erfolg mit Kitty und Joey im beruehmten "Bob Marley"-Guesthouse mit dem einen oder anderen Bier. Was fuer ein Abenteuer!